"My philosophy is to have a really good time and never to let anything stop me from doing what I want to do."

Michel Petrucciani - Leben gegen die Zeit

                    


Die 3 Filme, deren Untertitel bez. Übersetzungen ich hier darstelle, wurden buchstabengetreu wiedergegeben, ohne die zum Teil heftigen Schreibfehler zu korrigieren.

(Rainer Wolffram)



LOOKS Film & TV GmbH



Michel Petrucciani   A film by Michael Radford




EUGENIA MORRISON, Lebensgefährtin

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind 1 Meter groß...
... und haben dieses Wahnsinnstalent, in diesem kleinen Körper.
Was machen Sie daraus?

Orange, 28. Dezember 1962


DAVID HIMMELSTEIN

Er kam auf die Welt ...
Während seiner Geburt brach er sich sämtliche Knochen.
Jeden einzelnen Knochen.
Können Sie sich vorstellen, ein Kind in einem derart kritischen Zustand zu versorgen?


DR. GEORGES FINIDORI

Die Krankheit Michel Petruccianis heißt Glasknochenkrankheit.
Das ist eine Knochengewebsschwäche, bei der die Knochen labil sind...
... also brechen oder sich verformen.
Eine weitere Charakteristik sind starke Wachstumsstörungen.
In schweren Fällen bleiben die Betroffenen sehr klein, geradezu zwergenwüchsig.


Mme CLAUZEL, Nachbarin der Familie

Mein Mann sagte mir, dass er nicht alt wird.
Das haben alle Leute, alle Ärzte, so gesehen.
Er konnte ... Mit dem, was er hatte, konnte er nicht leben.


PHILIPPE PETRUCCIANI, Bruder

Meine Mutter war sehr behutsam mit Michel. Sie drehte seinen Kopf...
... damit die wenigen Knochen, die er hatte, sich nicht verformten. Das war sehr heikel.
Im Grunde hat sie das alles am eigenen Körper erfahren.
Später spielten wir gemeinsam, unzertrennlich wie die drei Musketiere.
Michels Behinderung nahmen wir nie wirklich wahr.
Es war so natürlich für uns, dass er uns nicht behindert erschien.


Mme CLAUZEL, Nachbarin der Familie

Anna...
... war eine außergewöhnliche Mutter.
Wenn sie ihn im arm hielt, ha man das gespürt.


PHILIPPE PETRUCCIANI, Bruder

Mein Vater ist musikbesessen, er lebt für die Musik.
Michel sog alles auf, was mein Vater an Musik hörte. Er war ja immer zu Hause.
Wir hörten nur Jazz, nur diesen Musikstil.
Vater erzählte, dass er mit drei Jahren alle Melodien nachsingen konnte.
Michel sagte ihm eines Tages, dass er das könne.
Vater sagte, er solle loslegen und er sang sie vor.
Mein Vater war völlig baff: "Ach du Scheiße!"


MP

Eines Tages sah ich Duke Ellington im Fernsehen.
Mein Herz machte einen Sprung. Und danach wollte ich ein Klavier.
- Wie alt warst du da? Vier Jahre?
- Vier Jahre!
Ich sah dieses große Klavier. Mama kaufte ein seh gutes Spielzeugklavier...
... aber eben mit dem Klang eines Spielzeugklaviers.
Da war mir klar, die glaubten mir nicht, dass ich ein richtiges Klavier wollte.
Ich musste etwas unternehmen, beweisen, dass ich ein Klavier mit echtem Klang wollte.
Ich fragte nach einem Hammer, als ich das Geschenk bekam.
Mama fragte: "Wozu?"
Ich sagte: "Gebt mir einfach einen!"
Ich nahm den Hammer und habe alles zerschlagen.
Ich wusste, dass sie ihr ganzes Erspartes investiert hatte.
Wir waren eine arme Familie.
Es damals schwer, 200 Francs abzuzweigen.
Sie hatte 200-300 Francs bezahlt. Vor 14, 15 Jahren war das viel Geld.
Zwei Monate später bekam ich ein richtiges Klavier.
Kein gutes, aber ich war zufrieden.
So etwas mache ich sonst nicht, aber in dem Fall hat mich etwas getrieben:
"Ich kann es hinnehmen oder was Schreckliches tun und kriegen, was ich will.
Wenn ich es hinnehme, ist es aus: kein Klavier, niemals."
Ich wollte keine Zeit verlieren. Ich bin nicht der Typ, der herumtrödelt.
Es muss alles schnell gehen, sehr schnell.
Auf geht's!


TOX DROHAR, Schlagzeuger

Er lebte sein Leben in vollen Zügen.
Volle Kraft voraus. Eine Lok, ein TGV.
Er hat jeden Tag die Schallmauer durchbrochen.


GEORG WEIN, Produzent & Pianist

Er machte sich keine Zukunftssorgen.
Er wollte hier sein, seine Musik spielen und soviel Spaß haben wie nur möglich.
Und das hat er durchgezogen.


Mme CLAUZEL, Nachbarin der Familie

Er ging nie raus: Er konnte ja nicht laufen. Also ging es immer um Musik.


PHILIPPE PETRUCCIANI, Bruder

Unsere musikalische Erziehung beruhte auf mündlicher Überlieferung.
Vater zeigte uns die Grundkenntnisse am Instrument...
... den Fingersatz bei Klavier oder Gitarre. Die Melodien lernten wir durch Platten-Hören.


PIERRE-HENRI ARDONCEAU, Journalist & Mitglied der Jazz Akademie

Die Beziehung zu seinem Vater war seltsam. Er war offenbar sehr streng.
Er besaß ein Musikgeschäft. Wenn sich ein Kunde ein Klavier ansah...
... rief er oft Michel herbei: "Spiel etwas für den Herrn!"
Das hat er gehasst, weil er ein klares Bild von sich hatte.
Er wusste, er beeindruckt durch sein Können, aber eben auch durch seine Behinderung.


ALAIN BRUNET, Trompeter (links)

Kam ich ins Geschäft, hörte ich von oben Tonleitern auf dem Klavier.
Wenn beim Abschied im Geschäft das Klavierspiel aufhörte...
... nahm der Vater den Besen...


TONY PETRUCCIANI, Vater

Ich war sehr streng und immer sehr nah an ihm dran.
Ich wollte nicht, dass er mit anderen Jungen musizierte.
Vom 6. bis zum 10. Lebensjahr habe ich ihn ganz schön getriezt.
Ich wollte, dass er mit Gleichaltrigen spielt, aber eher Dame oder Schach.
Er war ein sehr guter Schachspieler, oder Karten.

Aber Klavier ausschließlich mit mir.
Er war damals noch ganz klein. Wenn Sie ihn sprechen hören, merken Sie es.
Am Bass: Louis.
Wie alt ist er da?
Da ist er...
... sieben.


MP

Ich ging ja nie zur Schule, weil ich so viel Klavier übte.
Ich habe als Kind täglich 12 Stunden Klavier gespielt.
Mein Vater hat alles auf mich und die Musik gesetzt:
Er sagte: "Vergesst seine Schulbildung, vergesst alles andere.
Den setzen wir ans Klavier, der wird Pianist."


LIONEL BELMONDO, Saxophonist

Er bekam Kassetten nach Hause geschickt, Englisch, Französisch, Mathe.
Alles auf Kassette.
Er konnte ja nicht zur Schule gehen, also gab es Fernunterricht.
Aber er hat alle Kassetten gelöscht, sobald er sie bekam.
Er bekam sie paketweise, löschte sie und nahm Musik darauf auf.
Er sagte immer: "Fernunterricht ist fantastisch!
Man kann alle Platten aufnehmen, die man will, das ist super!"


MP

Das ist körperlich: Ich muss die Melodie rauslassen. Sonst werde ich krank.
So, wie ich bei großem Durst trinken muss: Trinke ich nicht, falle ich um.

In Montélimar gibt es einen Arzt, Doktor Clauzel.
Der hat einen ganzen Raum nur für Gäste eingerichtet.
Jede Woche organisiert er Jam Sessions bei sich zu Hause.


Mme CLAUZEL, Nachbarin der Familie

Ich weiß noch, wie seine Mutter ihn herbrachte.
Sie trug ihn im Arm.
Er sah aus wie ein Baby. Doch wenn er sprach, klang er wie ein Mann.
Ich sagte seiner Mutter, sie solle ihn doch hinstellen.
Sie antwortete: "Er kann nicht gehen." Ich sah, dass er etwas Besonderes war.
Wir setzten ihn ans Klavier.
Augenblicklich begann dieses Kind wie ein Profi zu spielen.
Mir fiel die Kinnlade runter: "Das ist ja nicht möglich!"
Und ich fragte: "Wie alt ist er denn?"
Ich glaube, die Mutter sagte, er sei neun.
Man konnte sein Alter nicht schätzen.
Aber man spürte, er war von Musik erfüllt.
Wenn er Klavier spielte, fürchtete ich immer, er würde sich die Hände brechen.
So stark brachte er es zum Klingen.


MP

Als ich jünger war, brach ich mir oft etwas, eigentlich ständig.
Hatte ich ein neues Projekt: Beinbruch. Nächstes Projekt: Armbruch.
Ich kam dann ins Krankenhaus, kriegte einen Gips.
Das war sehr schwer für mich, weil ich stets abhängig von meiner Behinderung war.


PASCAL BERTONNEAU, Klavierspezialist

Er hasste Weihnachten, weil er als Kind Weihnachten meist im Krankenhaus war.


MP

Mein Vater probte in einer Garage und ich wollte immer mitgehen.
Eines Tages, großzügigerweise, erlaubte er mir, zu den Proben mitzukommen.
Ich hatte Shorts an, es war Sommer.
Ähnliche Shorts wie diese, aber die Taschen waren sehr eng.
Ich stand auf meinen Knien, war super stolz:
"Ja! Ich bin hier, mit meinem Vater, bei den Proben mit den Jungs!"
Ich fühlte mich richtig...
- Männlich?
- Männlich und stolz!
Ich kniete also, beide Hände in den Hosentaschen.
Dabei verlor ich das Gleichgewicht und fiel voll aufs Gesicht, auf den Garagenboden.
Ich brach mir die Nase, das Blut lief.
Ich lag am Boden und hatte mir wirklich die Nase gebrochen.
Bäng!
- Nur weil du so aufgeregt warst.
- Ja.
Und weil ich meine Hände nicht aus den Taschen bekam.
Ich wollte nichts sagen, denn ich hatte die Befürchtungen meines Vaters bestätigt:
"Du machst nur Probleme." Und das hatte ich jetzt getan.
Er fragte: "Michel, fehlt dir was?"
Und ich: "Nein, nein! Mir geht's gut! Spielt weiter!"
Mein Vater nahm mich dann...
Mutter wollte nicht, dass ich Jazz spiele.
Ich sollte klassisches Klavier lernen, Mozart, Johann Sebastian Bach...
Solche Komponisten eben. Da war sie streng.
Meine ersten Blues-Akkorde durfte ich dann mit 12 spielen:
Blues in F.
F-A-C-D. Ich dachte: "Okay, das ist es."
Sobald ich allein war, probierte ich, ein wenig zu improvisieren.
Ich begann, mit meinem Vater zu spielen.
Mit 13 hatte ich mein erstes professionelles Konzert...
... mit dem amerikanischen Jazz-Trompeter Clark Terry.
Das war in Cliousclat, einem kleinen Dorf kurz vor Montélimar, im Départment Drôme.


FRANK CASSENTI, Regisseur

Auftritt von Clark Terry, einem großen Jazz-Trompeter, vergleichbar mit Miles Davis.
Michel, 13 Jahre alt, besucht das Konzert mit seiner Mutter.
Terry kündigt an: "Heute Abend kann ich leider nicht spielen, mein Pianist ist krank."
Jemand im Saal sagt: "Aber hier ist doch einen Pianist."
Clark Terry schaut herum, kein Pianist. "Doch, doch, dort ist er."
Er sieht das kleine Männchen und ist verlegen. Man setzt Michel auf der Bühne ans Klavier.


TONY PETRUCCIANI, Vater

Clark Terry beginnt zu spielen...
Ein Kinderlied...
Michel lacht, und auf einmal sagt es: "Blues! Blues!"
Und dann spielt er ein Intro auf dem Klavier.
"Wow!", macht Clark Terry und schlägt ihm anerkennend auf den Rücken.
Da steht die Mutter auf. "Bitte nicht schlagen!"
Er war ja sehr empfindlich. Ihm hätten die Knochen brechen können.
Sie spielten gemeinsam das Konzert. Eine Offenbarung!
Clark Terry und Michel in Cliousclat. Fantastisch!


FRANK CASSENTI, Regisseur

Diese Geschichte könnte man sich gar nicht besser ausdenken.


ALAIN BRUNET, Trompeter (links)

- Nein.
- Nein, nein, nein. Er war gebucht.
Das ist vollkommen falsch.
- Es gab sogar mehrere Konzerte.
- Michel war gebucht.

Es hatte Proben gegeben. Das war alles lange geplant.
Aber es war die erste Begegnung von Clark Terry und Michel.
Clark Terry hat gestaunt und war überrascht von dieser Virtuosität.


DAVID HIMMELSTEIN, Musikkritiker

Es gab eine Aufnahme. Da spielt er mit 13 in der Familien-Band.
Mit allen Brüdern und seinem Vater Tony spielt er da.
Die hätten sofort irgendwo auftreten können, ohne Probleme.
Alle spielen und jeder einzelne ist gut herauszuhören.
Das Klavier klingt wie ein lebensmüder 38-jähriger Schwarzer...
... der in einer Piano-Bar in Mexiko festsitzt.
So klingt er, mit 13!
Doch, wirklich!


MP

In Montélimar, wo ich damals lebte, hatte ich einen Freund.
Das war ein US-Schlagzeuger, eine Art Hippie, mit langem Bart und langen Haaren.
Er hatte schon mit einigen Helden von mir und meinem Vater gespielt.
Wir freundeten und an.


TOX DROHAR, Schlagzeuger

Als ich ihn kennenlernte, war er 13.
Er Spielte mit seinem Vater, Louis und einem Bankier am Schlagzeug.
Der Swing des Bankiers war nicht so doll.
- Schon damals kannte er einen Bankier?
- Ja, das war ein Bankier.
Kenny Clark und ich sahen Michel spielen.
Einige Wochen später bin ich bei ihm aufgekreuzt.
- Im Laden?
- Nein.
- Bei ihm zu Hause?
- Ja.
- An den Gleisen?
- Ganz genau.
- Mit diesem Dach?
- Genau.
Michel saß am Klavier, ich am Schlagzeug und so spielten wir.
So fing es an.


ALDO ROMANO, Schlagzeuger

Becken sind sehr wichtig.
Beim ersten Treffen mit Michel sagte man mir, er spiele hervorragend, was ich nicht glaubte.
Aber ich fand ihn extrem sympathisch, lustig und lebendig, ein richtiger Angeber.
Er sagte, in drei Tagen habe er Plattenaufnahmen mit Mike Zwerin.
Ob ich ans Schlagzeug wolle? Ich dachte mir, warum nicht?
Ein Abenteuer mehr.
Als wir anfingen zu spielen, hörte ich ihn zum ersten Mal.
Ich dachte nur: "Unglaublich! Ich träume!"
Es war buchstäblich unerhört.
Ich habe sofort Pussiau in Paris angerufen: "Diesen Kerl musst du unbedingt aufnehmen."


JEAN JACQUES PUSSIAU, Produzent

Aldo kommt an, mit Michel auf dem Arm.
Natürlich war ich überrascht von Michels körperlicher Erscheinung.
Doch wir verstanden uns auf den ersten Blick. Aldo meinte: "Den musst du aufnehmen."
Ich war einverstanden.
Wir nahmen sein erstes Album auf, mit dem schlichten Titel "Michel Petrucciani".

Er kam mit 17, ohne ein Wort Englisch...
... aus bescheidenen Verhältnissen in Montélimar nach Kalifornien.
Eine Art Conquistador, der Amerika erobern will.
Die USA sind natürlich das Mekka seiner Musik.
Davon träumte er.


MP

Tox lebte in Big Sur.
Eines Tages beschloss ich, ihn zu besuchen.
Ein Kumpel in Frankreich trug ihn an Bord seiner Maschine...
... da er damals noch nicht gehen konnte.


TOX DROHAR

Ich holte ihn vom Flughafen in Monterey ab.
Ich lebte auf dem Anwesen von Charles Lloyd in Big Sur.


MP

Tox war Zimmermann und reparierte dort das Dach.
Charles war nicht gerade begeistert, mich in seinem Haus zu wissen.
Er kannte Tox gut, er wusste, dass Tox etwas eigen war.
Darum wollte er nicht, dass Tox alle seine Freunde einlud.


Tox Drohar

Ich rief in Big Sur an und fragte nach dem Stand der Dinge.
Charles war nicht da. Dorothy lud uns zum Mittagessen ein.
Wir gingen also zum Essen hin...
... und Dorothy schmolz dahin, wie alle, die Michel zum ersten Mal sahen.
Nach dem Mittagessen meinte Dorothy...
... dass Charles ein Konzertflügel auf der Lockheed Ranch hätte.
Und ob Michel darauf spielen wolle.
"Micky, spielst du für sie?", fragte ich. Und er: "Sicher".


DOROTHY DARR, Musikmanagerin

Ich brachte ihn zur Ranch, und er begann zu spielen.
Ich rief Charles an. Er konnte das Klavier im Hintergrund hören.
Er fragte: "Was ist das?" "Das ist Michel", antwortete ich.


CHARLES LLOYD, Saxophonist

Das Exstatische in mir vernahm das Exstatische in dir.
Ich sprang ins Auto und flog heim, Mann.


ROGER WILLEMSEN, Freund & Autor

Das erste Mal traf er Michel, nachdem er Brahmanische Schriften studiert hatte.
Er hatte darin einen Satz gefunden, wonach jemand übers Meer kommen würde...
... der gebrochene Knochen habe, und ihn retten würde.
Das erklärt, warum er Michel vom ersten Moment an für jemand Besonderen hielt.


MP

Ich sollte ihm am Klavier etwas vorspielen. Ich begann zu spielen.
Als er verschwand, dachte ich, er sei zu Tode gelangweilt.
Aber er war nur im Keller, um sein Saxophon zu holen.
Wir spielten dann zusammen bis 5 Uhr morgens.
Seine Frau Dorothy begann zu weinen.
Er sagte zu ihr: "Michel ist hier, damit ich wieder Musik mache.
Ich fang wieder an und Michel bleibt hier."
Er hatte schon alles geplant.


DOROTHY DARR, Musikmanagerin

Nicht in jener Nacht. Michel erzählt zwar immer...
... sie hätten gleich in der Nacht seiner Ankunft durchgespielt.
Aber das war wohl erst am nächsten Tag.


TOX DROHAR

Ob das Saxophon nun im Keller oder auf dem Dachboden war...
- Weder Keller noch Dachboden.
- Weder noch.
Es stand im Schuppen.


PASCAL BERTONNEAU, Klavierspezialist

Er kam aus dem Süden. Die erfinden gerne mal Geschichten.


MP

Als Charles zu spielen anfing, war sofort alles da, wie auf seinen Platten.
Als Kind spielte ich zwar mit meinem Vater und meinen Brüdern...
... doch den echten Jazz kannte ich von Platten.
Ich hörte Miles, Oscar Peterson, all diese Leute.
Aber ich hatte sie noch nie live gesehen, geschweige denn mit ihnen gespielt.
Als ich den Klang und die Energie von Charles' Saxophon hörte, direkt neben mir...
... wusste ich plötzlich, worum es ging: "Das ist es also. So muss es sein."
Ich spürte und kostete die wahre Qualität, den echten Klang.


TOX DROHAR

Lloyd organisierte die Band und ein paar Konzerte.
In Big Sur spielten wir im Esalen-Institut.

(Schlagzeilen)

EIN ÄUßERST UNGEWÖHNLICHES JAZZ-DUO
LLOYD: EIN SCHÖNER ZUSPRUCH
BIG SURS MEISTER AM KLAVIER


TOX DROHAR

Michel eröffnete die Show, 20 Minuten Klavier, die Leute flippten aus.

Nach dem ersten Konzert mit Gage - er bekam rund 100 Dollar -
... gingen Micky und ich los, um ihm Cowboystiefel zu kaufen.

Musiker auf Tour meckern oft herum, sind ständig hungrig und müde.
Michel hat sich nie beklagt, er war immer bester Laune.
Er lernte in zwei Wochen Englisch.
Unterwegs war das Radio an. Er wiederholte einfach, was er hörte.


MP

Mein Vater spielt Gitarre, die ganze Familie macht Musik.
Ich bin jetzt hier und ich spiele auch.

Wie kam es, dass du dich für Klavier interessiert hast?

Also das kam so...
Eines Tages... Das wird aber schwierig...
Schwierig auf Englisch, aber ich versuche es.


BARRY ALTSCHUL, Schlagzeuger

Seine Einstellung, seine Arroganz sein Selbstvertrauen...
... seine Fähigkeit, eine komplexe Sprache in 6 Monaten zu lernen, ohne Akzent.
Sowohl den ganzen Slang der englischen Sprache...
... als auch das höhere Vokabular für richtig intellektuelle Unterhaltungen...
... hat er in sechs Monaten gelernt. Phänomenal!


MP

Ich weiß, dass ich anders bin.
Ich fühle mich nicht schlecht oder schuldig damit.
So bin ich eben. Das stört mich nicht.
Wer ist denn hier behindert, du oder ich? Wer weiß?
Du hast Probleme, ich habe Probleme, das ist auch schon alles.
Darüber sollte man nachdenken, statt sich ständig schuldig zu fühlen:
"Ich bin nicht wie die Anderen!"
Ich bin nicht wie die Anderen, will ich auch gar nicht sein!
Ich spiele eine andere Musik, ich führe ein anderes Leben...
... ich esse anders, schlafe anders...
Ich bin anders und fühl mich großartig dabei.


ALDO ROMANO, Schlagzeuger

Die USA waren sein Lourdes.
Dort würde er in gewissem Sinne geheilt werden.
Er würde normal sein können, denn er fand, dass die USA ein Ort waren...
... an dem Behinderte besser behandelt wurden.
Hier gab es Strukturen.
Zudem lernte er Erlinda, seine zukünftige erste Frau...
... in Big Sur kennen.
Sie brannten durch und heirateten.


MP

Als Kind träumte ich immer vom Heiraten. Ich wollte eine Romanze wie im Fernsehen:
Der Typ holt die Braut ab, trägt sie ins Zimmer und küsst sie.
Und sie leben glücklich zusammen, mit vielen Kindern.
Das war mein Traum.


ERLINDA MONTANO-HISCOCK, Lebensgefährtin

Wir waren uns sehr verbunden. Es war fast wie ein Einrasten.
Es passte, es hat einfach gestimmt.
Auf seinen Körper, auf ihn als Liebhaber musste ich mich erst ein wenig einstellen.
Aber er war sehr gut bestückt, das war also nicht das Thema.
Er war ein sehr guter Liebhaber.


LISA ABERCROMBIE, Ehefrau von John Abercrombie

Es ging das Gerücht um, dass er großartig im Bett war.


ERLINDA MONTANO-HISCOCK, Lebensgefährtin

Er war wunderbar, großartig. Als ob er Klavier spielen würde...
Wir waren abenteuerlustig.
Wir wollten ausprobieren, was die Welt für uns bereit hielt.
In der Hinsicht waren wir gleich. Ich war sehr stark und konnte ihn tragen.
Ich habe ihn diese Hügel hinaufgetragen, als Big Sur-Frau.
Wir haben uns sehr schnell ein gemeinsames Leben geschaffen.


TOX DROHAR & andere

Ist sie wirklich die Tochter eines großen Indianerhäuptlings?
- Michel hat mir das erzählt.
- Vielleicht...
Eine mexikanische Indianerin.
Er hat ja viel Zeug erzählt, da sind wir uns doch einig.
Aber es muss was dran sein, denn ein bisschen stimmte immer.


ERLINDA MONTANO-HISCOCK, Lebensgefährtin

Frauen fanden ihn sehr anziehend.
Wir waren von vielen Frauen umgeben und das gefiel ihm sehr.
Ich weiß noch, wir waren einmal in Santa Fe.
Einige Frauen kamen auf ihn zu mit eindeutigen Angeboten.
Darauf ich: "Hey! Ich bin seine Frau!"


MP

Damals war ich 18.
Glücklicherweise habe ich, was das angeht, keinerlei körperliche Probleme.
Alles funktioniert bestens.
Ich war wie alle Teenager: dauergeil.
Ich liebe Frauen. Es war auch eine andere Zeit.
Ich blieb in Kalifornien, um zu spielen, mit meinen Vorbildern...
... echten amerikanischen Musikern, die wirklich Jazz spielen können.
Mit Charles Lloyd zu touren, das war es einfach!
Das war der Anfang. Meine besten Jahre, denn alles war neu:
Meine erste Fahrt in einer Limousine, mein erster Flug.
Das erste Vier-Sterne-Hotel.
Das erste große Konzerthaus.
Das erste Jazz-Festival, mit allen Stars Backstage:
Freddie Hubbard, Wayne Shorter, Stanley Clarke, Jimmy Smith...
Alle meine Helden waren da.
Wir waren Kollegen, Herbie Hancock, Chick Corea.
Und ich war Charles Lloyds Pianist.
Ich dachte nur: "Hey, das ist Herbie Hancock! Wow!"
Oder: "Das ist Chick Corea! Wow, ich glaub's nicht!"
Ich bin durchgedreht!


CHARLES LLOYD

Aber du warst auch bereit.
Als ich dich spielen hörte, sah ich in dir einen Seelenverwandten und kein Kind.
Einen Seelenverwandten.
Du hattest all das Zeug drauf, von Duke und Strayhorn...
... und Mister Evans, die ganze Tradition.


MP

Mein Vorbild ist Bill Evans.


CHARLES LLOYD

Wie ging noch dieses Lied, das du immer gesungen hast?


MP

Ein französischer Blues...

- Das ist doch kein Blues.
- Doch, ein französischer.

Ich war wie ein Kind, ich kam ja auch vom Land.
Ich war ein totales Landei, ich hatte keine Ahnung von gar nichts!


LEE KONITZ, Saxophonist & Komponist

Mein erstes Bild von Michel ist...
... wie dieser kleine Mann am riesigen Bösendorfer Flügel sitzt...
... und aussieht wie ein Teil des Instruments.
Das erste Mal mit ihm zu spielen...
... und dabei all die Offenbarungen zu erfahren, war fantastisch.
Das Konzert war recht gut besucht, und ich dachte:
"Es läuft richtig gut für mich in Frankreich, wurde ja auch mal Zeit."
Dann merkte ich, dass da der kleine Kerl saß und alle seinetwegen da waren.
Der Alte Kerl war bestenfalls Teil des Gesamtpakets.


MP

Ich fürchte mich vor Einsamkeit.
Ich bin nicht gern allein. Ich mag Menschen um mich.
Quatschen, rumhängen, auf eine Art auch Clown sein.
Ich unterhalte gerne Menschen und werde gerne unterhalten.
Ich bin ein beinloser Hund.
Wie dieser beinlose Hund, der auf dem Tisch steht, wie ein Glas.
Ein Zwergpudel.
Ein Typ aus der Provence meint: "Albert! Guck mal, der Hund!
Der ist toll, ultra-gut!
Der braucht einen Namen. Wie soll er heißen?"
Darauf sein Kumpel: "Wozu? Auch auf Zuruf kommt der nicht!"

Der ist abgedroschen.


JEAN JACQUES PUSSIAU

Michel konnte nicht laufen.
Auch wenn wir essen gingen, musste er getragen werden, ständig.
So, als würde man ein Kind tragen. Als ob man ein Kind trägt.
Ich hielt ihn an die Brust gedrückt und spürte unsere beiden Herzen schlagen.
Das war alles verwirrend, sehr verwirrend.
Es war wundervoll, ihn zu tragen. Es entstand eine besondere Beziehung.


ALDO ROMANO

Er ließ sich auch nicht von jedem tragen. Es sei denn, er war ein bisschen betrunken...
Nur bestimmte Leute durften ihn tragen, nicht jeder. Er musste ihnen vertrauen.


Mme CLAUZEL

Vor allem, wenn Mädchen ihn trugen.
Mit ihren schönen Brüsten...
Das stimmt, er mochte das.
Aber meistens trugen ihn die Jungs, denn er war schwer.


MP

Wenn ich an Charles denke, sehe ich ihn nicht in Big Sur.
Ich sehe ihn unterwegs.
In Europa, Japan, und wo wir sonst noch getourt sind.
Wir haben über Jazz gesprochen, und er hat mich immer beschützt.
Er sagte mir andauernd: "Tu das nicht! Geh nicht in Clubs, sei vorsichtig mit Drogen!
Sei vorsichtig, die Wichser wollen dein Geld!"
Vorsicht hier, Vorsicht da... Sehr väterlich.
Die Erfahrungen wollte ich aber dennoch machen.
Nach fünf, sechs Jahre in Big Sur, wollte ich woanders hin in Amerika.
Ich wollte in eine Stadt, wo wirklich was los war.
Als ich nach New York kam, wusste ich: "Das ist es! Hier will ich bleiben!"

Ich wollte Jazz-Musiker werden. Ich wollte im Herzen des Jazz sein.
Ich wollte ins "Village Vanguard" und dort spielen.
Als ich Elvin Jones traf, mit Coltrane und "Village Vanguard" im Kopf...
... war ich wahnsinnig aufgeregt. Das war damals mein ganzes Streben.


EUGENIA MORRISON, Lebensgefährtin

Ich traf Michel im "Village Vanguard", und er sprach mich an:
"Ich brauche Hilfe, ich muss ins ‚Blue Note', Freddie Hubbard spielt dort.
Bringst du mich hin?"
Ich sagte, ich sei nicht allein hier, das sei schwierig.
Er beharrte aber darauf: "Bitte, bitte, ich brauche Hilfe!"
Ich willigte ein und wir fuhren mit dem Taxi ins "Blue Note".
Im Club gab es etwa 10 Stufen. Er bat mich, ihn hochzutragen.
Ich sah ihn an, ich kannte ihn doch gar nicht: "Dich hochtragen?"
Doch er war sehr natürlich und überzeugend.
Das war mein erster Eindruck.
Auf der Treppe fragte ich ihn, ob sonst niemand helfen könne.
Wir fanden jemanden, der ihn hochtrug.
Hubbard kam und Michel sagte: "Das ist meine neue Frau!"
Und ich: "Deine neue Frau?" Na ja, es ging alles ziemlich schnell.


ERLINDA MONTANO

Er hatte diesen Auftritt in New York. Er fuhr los und kam nie mehr zurück.
Er war einfach weg.
Ich rief an, wo er blieb, aber er antwortete nicht.
Das war schon sehr hart. Eine harte Trennung.
Ich war am Boden zerstört. Es brach mir das Herz.
Er hat sofort etwas mit einer Anderen angefangen.
Und das war's. So lief das bei Michel. Er ging einfach weiter.


EUGENIA MORRISON

Liebe ist ein Rätsel, das wir nicht...
Wie soll ich es erklären? Auch ich war ziemlich überrascht.
Aber ich verliebte mich in ihn.


JOE LOVANO, Saxophonist & Komponist

Als Michel in die Stadt kam, hat er sofort Aufsehen in der Jazz-Community erregt.
Jeder wollte mit ihm spielen.


MARY ANN TOPPER, Musikmanagerin

Er war 22 und spielte mit Freddie Hubbard, Buster Williams, Billy Hart, Joe Henderson.
Keine Frage, das war sein Niveau, mindestens würde ich sagen.
Es gab keinerlei Zurückweisungen oder Fragen wegen seines Alters.
Von keinem Musiker.
Denn denen war längst klar, dass er etwas ganz Besonderes war.
Mal sehen...
Michel.


ELIOTT ZIGMUND, Schlagzeuger

Zeit mit Michel zu verbringen war, als wäre man in einem Comic.
Sein Temperament war unglaublich. Er gab alles.
Er war jung, begierig, Musik zu machen und bekannt zu werden.
Wir haben diese wirklich unglaublichen Sets gespielt.
Ich habe das in allerbester Erinnerung.
Das war die aufregendste Zeit meines Musikerlebens.

Phil Shaap am Mikrofon
WKCR FM New York sendet Jazz seit dem 10. Oktober 1941.

PHIL SHAAP, Moderator

Ich bin kein Petrucciani-Experte. Ich bin einer seiner Fans.
Es ist durchaus ein visueller Schock...
... diese kleine Person Art Tatum am Klavier spielen zu sehen.


BERNARD BENGUIGUI, Tourmanager

Musikalisch hatte Michel vor nichts Angst.
Er war der erste nicht-amerikanische Künstler mit einem Vertrag bei "Blue Note".
Eine große Leistung in der damaligen Zeit.


MARY ANN TOPPER, Musikmanagerin

1983 wurde George Wein sein erster amerikanischer Promoter.
Als seine Managerin wollte ich lieber eine große Plattenfirma...
... und George als eine Art privates Vanity Label nutzen.
Bruce Lundvall war mein Hauptkontakt.
Ich wusste, Bruce würde ihn lieben, was er auch tat.

1985 war New York der Schauplatz eines historischen All-Star-Konzerts...
... des größten Jazz-Labels aller Zeiten.
"Blue Note" wurde wiederbelebt durch den Veteranen Bruce Lundvall.


EUGENIA MORRISON

Die letzten Zuckungen von New Yorks goldenem Jazz-Zeitalter.
Das übertrug sich auf Michel, sie waren seine Helden.
Er war im Jazz-Himmel.
Ich hatte damals eine vorübergehende Bleibe, wir nannten sie "Buddhist Hotel".
Ein großes New Yorker "Classic Seven" mit je drei Schlafzimmern und Badezimmern.
Michel zog zu mir, in dieses Haus.
Das wäre ein Film für sich: "Michel im Buddhist Hotel".
Warum?
Wir waren nur Frauen, drei Sängerinnen, zu der Zeit, und ein schönes Klavier.
Es gab viel tolle Musik, Tag und Nacht.
Leute kamen vorbei. Es war einfach herrlich.


JOE LOVANO, Saxophonist

Das erste Mal trafen sich Judi und Michel auf einer Party.
- In der Upper West Side.
- Ja, in der Upper West Side.
Wir spielten ein paar Akkorde, Ron und Barry waren dabei...


JUDI SILVANO, Sängerin & Komponistin

Das war eine tolle Party, weil Michel auch noch kochen konnte.
- Ja er machte tolles Essen.
- Wir benannten sogar ein Gericht nach ihm.
- Es kochte es auf dieser Party.
- "Huhn à la Petrucciani".
"Huhn à la Petrucciani".


ALEXANDRE PETRUCCIANI, Sohn

Mein Vater kochte sehr gern. Ein Chefkoch.
Er dachte sich das Rezept detailliert aus.
Er hatte ein Team um sich. Alle die da waren, assistierten ihm.
Die schnippelten das Zeug, taten es in den Ofen...
So war mein Vater, und er hat mich geprägt.
Er kochte immer für alle. Das war wie eine große Party.

Nein, bei dem ist das nicht dasselbe.
Der wollte sterben.
- Wen filmst du da?
- Dich.
- Bin ich groß im Bild?
- Jetzt bist du ein Riese.
Nein...
- Das steht dir ganz gut.
- Und der Bart?
Zum Glück trinkt er nicht...
- Das ist eher ein Fisch.
- Niemand ist vollkommen.


EUGENIA MORRISON

Michel und ich waren uns sehr nahe, spirituell und emotional.
Das hat nie aufgehört.
Ein schönes Geschenk in meinem Leben.
Das spüre ich noch heute.
Eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die einander verstanden.
Wir verstanden uns, darauf konnten wir uns verlassen.


ROGER WILLEMSEN

Ich habe nie jemanden mit solcher Vitalität und Lebenslust getroffen.
Sein Hunger nach Leben, alles zu beschleunigen...
... seine Gier, alles zu berühren, alles zu verschlingen...
... jede verfügbare Droge auszuprobieren, war gewaltig.
Es war manchmal schier atemberaubend, dieses Keuchen zu erleben.
Er wollte keine Sekunde vergeuden.


JUDI SILVANO / JOE LOVANO

Er schlief wohl nicht viel. Er schien pausenlos weiterzumachen.
In seiner Nähe zu sein, war anstrengend, denn er stand immer unter Strom:
"Lass uns essen gehen!" Wie oft gingen wir um 2 Uhr morgens essen!
Weißt du noch? Wir sprangen in ein Taxi und gingen irgendwo essen.
Nach Auftritten etwa.
Ich war gar nicht so scharf darauf, aber du warst immer bereit.
Ja ich war mit Michel unterwegs.


MP

Ich war ein Schwamm.
Ich habe volle Pulle gelebt, zu 150 Prozent.
Immer! "Sollen wir dahin gehen? Und ob!
Dies tun? Und wie! Das probieren? Na klar!"
Solange es mich nicht umbrachte... Ich habe einiges riskiert.
Ich wollte einfach alles ausprobieren, was ich auch getan habe.
Als Europäer diese Musik spielen zu dürfen, in Amerika aufzutreten...
... mit einigen der weltbesten Musiker...
Warum dann nicht alles mitnehmen, warum nicht gleich abbrennen?
Sehr extravagant und nicht zu bändigen, das war ich ungefähr 10 Jahre lang.


MARY ANN TOPPER

Es war eine äußerst kreative Zeit.
Vermutlich hatte das nicht viel mit der restlichen Welt zu tun...
... obwohl Musiker dazu neigen, das zu glauben.
Doch für mich war es nicht wirklich etwas, das ich genießen konnte.


MP

Ich habe viel Fröhlichkeit erlebt im Jazz. Natürlich wurde auch getrunken.
Man trank zwei, drei Whiskys, dann wurde gespielt und das war's eigentlich.
Ich habe nie jemanden Heroin spritzen gesehen oder etwas Ähnliches.
Mit so was hatte ich nichts zu tun.


DR. GEORGES FINIDORI, behandelnder Arzt

Michel machte alles verkehrt...
... wenn er beschlossen hatte, alles verkehrt zu machen.
Das tut meiner Sympathie für ihn keinen Abbruch. Aber er war wirklich kein Musterpatient.


ANDY McKEE, Gitarrist & VICTOR JONES, Schlagzeuger

- Er mochte gutes Essen und guten Wein.
- Und kistenweise Champagner.
Kistenweise.


JOHN ABERCROMBIE, Gitarrist

Michel war von vielen seltsamen Leuten, einer bunten Mischung, umgeben.
Du wusstest nie, wen du treffen würdest, an solchen Abenden.
Die Entourage...


PASCAL BERTONNEAU

Er war kein Typ für den Tod auf Raten, kein Alkoholiker oder Kokser.
Kein Charlie Parker oder Philippe Léotard.
So ein Typ war er nicht.
Nichts an ihm entsprach der Legende vom tragischen Künstler.
Darum ging es überhaupt nicht.
Besonders bei einigen New Yorker Freunden war klar...
... wenn er mit denen abtaucht, kommt er in elendem Zustand zurück.


DAVID HIMMELSTEIN

Scheiße.
Er saß im Rollstuhl, wir nahmen Drogen im Morgengrauen unterwegs nach Uptown.
So war's:
Wir schoben ihn den Broadway rauf, schnupften im Morgengrauen Kokain...
... und summten Lieder. Das war alles.
Das war unser Spaß.


MP & ROGER WILLEMSEN

Abgesehen von der Musik in New York...
... habe ich dort meine Freunde, gehe in Museen...
(Lange Pause)
Ich habe viele Drogen genommen, aber das darf ich nicht sagen.
Sehr viele.

Wenn Sie ein Jazz-Song wären?
Ein Jazz-Song? Dann wäre ich "My foolish hthing".
- Wenn Sie...
- ... ein Genie wären?
(ha ha ha ha ha ha ha ha)


ANDY MAC KEE, Gitarrist & VICTOR JONES, Schlagzeuger

"Shelly and The Nasty Boys". Wir nannten Michel "Shelly".
- Andy kam zum Flughafen.
- Wir gingen durch die Kontrolle.
- Am Flughafen von Newark.
- Echt, Newark?
Ja, der Flughafen von Newark.
Wir trugen Instrumente, und Victor hatte die Becken.
Wir waren offensichtlich eine Band.
Und die Beamtin fragte, ob wir eine Band seien.
Und ich sagte: "Ja, wir sind ‚Shelly and The Nasty Boys'".
Sie ließ uns durch: "Von euch hab ich schon gehört."
Sie hat sich gefreut, uns zu sehen.
Hier ist ein Autoaufkleber.
Das ist ein Autoaufkleber. Von "Shelly and The Nasty Boys".
Michel, Andy, ich und Adam.
Die Originalbesetzung der Nasty Boys.


SERGE GLISSANT, Tourmanager

Das Konzept der "Nasty Boys" umfasste nicht nur Musik und Musiker...
... sondern einen ganzen Freundeskreis, den ein extremer Lebensstil verband.
Es musste immer weiter ausgereizt werden, das Abenteuer des Lebens.
Und auf gewisse Weise war auch Eugenia ein Teil der Nasty Boys.


EUGENIA MORRISON

Ich war viel mit ihm auf Tour.
Das fing an, mich zu belasten, körperlich und geistig.
Es begann, sich negativ auf unsere Beziehung auszuwirken.
Ich sah das neue dicke Tourbuch und konnte einfach nicht mehr.
Ein Freund meinte, wenn ich nicht mitginge, würde ich auch Michel verlieren.
Ich ließ es darauf ankommen.
Ich war körperlich nicht mehr in der Lage, mitzuhalten.
Er ging auf Tour und schon in der ersten Woche...
... lernte er Marie-Laure kennen und verliebte sich in sie.
Er rief mich an, und sagte: "Ich bin mit einer anderen Frau zusammen."
Ich war völlig fertig.
Wir hatten heiraten wollen.
Die Hochzeitsvorbereitungen waren schon im Gange.
Wir hatten gerade ein Haus voller Möbel gekauft...
Ich weiß noch, wie er zurückkam.
Unser Haus in Brooklyn war leer, alle Freunde ausgezogen.
Michel auf Krücken sah zum Klavier, dann drehte er sich zu mir um:
"Ich liebe Veränderung!"


MARIE LAURE ROPERCH, Lebensgefährtin

Die Begegnung von Michel und mir war sehr unerwartet.
Ich arbeitete an einer Hotelrezeption.
Er hatte ein Konzert in Lorient.
Er kam an, es war an einem Sonntag.
Ich kam gerade aus dem Waschraum, da saß er auf dem Counter.
Ich dachte: "Gott, was ist das denn für ein Kerl, so ein Angeber!
Setzt sich einfach auf den Counter."
Er sagte irgendetwas und ich wurde rot.
Er sagte, bei ihm sei lange kein Mädchen mehr errötet.
Ob ich zu seinem Konzert kommen wolle: "Für Sie spiele ich etwas länger."
Backstage hat er mich dann allen als seine Frau vorgestellt.
Ich habe das Spiel einfach mitgemacht.
Am nächsten Tag aßen wir zusammen zu Mittag oder Abend...
... und wir redeten einfach nur, redeten und redeten.
Dann wurde Zeit für seinen Abflug.
Als er ins Flugzeug stieg und wir unsere Nummern austauschten, wusste ich:
Ich würde etwas mit diesem Mann anfangen. Und das war sehr verstörend für mich.
Sehr verstörend.
Ich habe geheult, und wie! Es war wirklich verstörend.
Wir sprachen darüber, ein Kind zu haben, ein Kind, das Glasknochen haben könnte.
Ich sagte ihm, ich würde ein Kind mit dieser Krankheit nicht abtreiben.
Ob er das akzeptieren könne?
Da hat er ja gesagt.
Als es dann wirklich passierte...
... war ein Teil von ihm glaube ich...
... dennoch verzweifelt.


ERLINDA MONTANO

Es muss bittersüß für ihn gewesen sein; er wusste, wie sehr sein Sohn leiden würde.
Ich kann nur ahnen, wie überdreht und aufgeregt er war...
... während ihm gleichzeitig das Herz brach.


DR. GEORGES FINIDORI

Eine sehr persönliche Entscheidung.
Zudem leben wir heute in einer sozusagen hedonistischen Gesellschaft:
Alle träumen nur vom perfekten Kind, vom perfekten Paar, wie in der Werbung.
Was nicht der Norm entspricht, richtet furchtbares Durcheinander an.


BARRY ALTSCHUL, Schlagzeuger

Ich fand es keine gute Idee, erst recht nicht, als sie erfuhren...
... das Kind würde dieselbe Krankheit haben und noch Zeit war, etwas zu tun.
Doch beide wollten unbedingt Kinder.
Ich fand, dass sie dem Kind zu viel zumuteten.
Da war noch unklar, ob es Junge oder Mädchen wird.
Michel meinte: "Das ist schon okay." Und das war's.
Ihm tat es auch nicht leid, am Leben zu sein.


ALEXANDRE PETRUCCIANI, Sohn

Ich fragte meine Mutter. "Warum hast du mich gemacht?"
Ich war fünf, als ich das fragte.
Ich fand es einfach unlogisch. Später nicht mehr.
Am Anfang war ich einfach zu klein, um wirklich zu kapieren, was ich bin.
Ich bin anders als die Anderen.
Statt seltsam zu sein, will ich lieber außergewöhnlich werden.
Es ist alles eine Frage der Perspektive:
Abweichend von der Norm gibt es seltsame und außergewöhnliche Menschen.
Dazwischen all die normalen Leute.
Ich hätte Lust, wie alle anderen zu sein. Das geht nicht, dann also außergewöhnlich.
Das versuche ich.
Ich bin 1,22 m oder 1,23 m groß. Er war ein 1,02 m.
Früher sagte er andauernd: "Bald bist du größer als ich!"
Da war ich noch ein kleines Kind.
Danach bin ich nicht mehr viel gewachsen.
Manchmal sage ich mir, dass es Vieles gibt...
... das erklären könnte...
... wie ich bin.
Wer ich bin, durch meine Behinderung und durch meinen Vater.
Nun ja...
Das denke ich.
Als normaler Mensch wäre ich wie "GI Joe" oder "Rambo".
Denn ich tue scheinbar Unmögliches:
Stellen Sie sich vor, in einer Welt von Riesen zu leben.
Ich stelle mir das oft vor:
Die normalen Menschen sind die Riesen und ich bin ein normaler Mensch.
Und...
Die Riesen...
... muss man halt zähmen.


MP

Die Welt ist nicht für die Kleinen gemacht, das ist immer mal wieder schwierig.
Das ist vielleicht das Einzige, was mich an meiner Behinderung stört.
Alles andere läuft prima.


MARIE LAURE ROPERCH

Michel war selbst ein Musikinstrument.
Er lebte und...
... atmet... atmete Musik.
Selbst im Schlaf spielte er, er spielte Klavier auf mir.
Ich wachte auf: "Was ist los?" Michel spielte mal wieder Musik.


Joe Lovano

Die Leute haben viele Fragen zum Sound.
Ich erkläre dann:
Hier steht ein Klavier.
Säße Thelonius Monk an diesem Klavier, würde man seinen Sound hören.
Säße Herbie Hancock am selben Klavier, würde man Herbie hören.
Säße Chick Corea an dem Klavier, würde man Chick hören.
Würde Michel an dem Klavier sitzen, würde man Michel hören.
Andere dagegen säßen hier und es würde nur wie ein Klavier klingen.
Wie kommt das?
Es ist dein Anschlag, dein Gefühl, deine Dynamik, es ist deine...
... Energie.


ELIOTT ZIGMUND

Seine rechte Hand war fantastisch, wie ein Singvogel.
Er war wirklich begabt: sein Rhythmus, seine rechte Hand...
... seine Fähigkeit, interessante Tonfolgen zu spielen und durchzuhalten.


MARY ANN TOPPER

Bruce meinte, er habe nie eine bessere rechte Hand gehört.
Es sei die sauberste, schnellste, klarste.
Und bei der Meinung bleibt er bis heute.
Ich könnte keinen Pianisten mehr unter Vertrag nehmen...
... ohne ihn technisch mit Michel zu vergleichen.
Aber auf emotionaler Ebene ist das gar nicht möglich.


PASCAL BERTONNEAU

Er spielte nicht wie jeder.
Ich habe mit klassischen Pianisten gearbeitet, die ihn einfach unglaublich fanden.
Was er mache, sei so anti-pianistisch.
Man muss sagen, dass seine Knochen leichter waren.
Ein normaler Schlagzeuger...
... bearbeitet einen beliebigen Gegenstand mit seinen Stöcken...
... indem er den Rebound nutzt:
Die Schwingungen der Stöcke werden durch den Rebound zu Trommelwirbeln.
So nimmt er Geschwindigkeit auf. Warum? Weil er normal ist.
Michel hingegen hielt eine Gabel in der Faust und machte so...
Er erreichte die gleiche Geschwindigkeit wie der Schlagzeuger bei seinen Trommelwirbeln.
Michel hatte also eine Art, den Arm zu bewegen...
... die zehnmal schneller war als bei normalen Menschen.
Offensichtlich verfügte er über eine einzigartige Technik.
Das betraf den ganzen Körper. Für ein Solo auf den hohen Tönen...
... lehnte er sich mitsamt dem Hocker so zur Seite...
... hielt sich mit der linken Hand an der anderen Seite fest...
... und spielte dann mit der rechten Hand.
Wir fragten uns, wie er da jemals wieder herauskommen sollte.
Und auf einmal...
... so wie er gebaut war, mit seinem Riesenhintern...
... zog ihn sein eigenes Gewicht wieder zurück.

Mit Michel lernte ich, Klaviere zu fixieren, ich habe keine Angst mehr.
Auch nach 1,5 Stunden Malträtierung durch einen Russen, bewegt sich das Klavier nicht.


HÉLÈNE DREYFUS, Produzentin & Pianistin

Er soll die schönste linke Hand der Welt gehabt haben.
Einmal erzählte er mir, er habe jemanden getroffen...
... "Lorin Maazel" oder so ähnlich, der meinte, er hätte die schönste linke Hand der Welt.
"Kennst du diesen Typen?"
Ich sagte: "Ja, wenn er das sagt, stimmt das wohl, der kennt sich da aus."


MARY ANN TOPPER

Michel verstand ein Klavier nach nur fünf Minuten.
Als wäre es seine Geliebte.
Er kannte jedes Klavier, sobald er es berührte. Das war unglaublich!
Er konnte sofort damit arbeiten... Wirklich unglaublich.


PASCAL BERTONNEAU

In der Hamburger Steinway-Fabrik suchte er sich für zu Hause ein "B-Modell" aus...
... also einen Stutzflügel.
Ich kam vor ihm an.
Die Flügel standen in einem Salon, bereit zum Probespielen.
Da standen um die zehn "B-Modelle".
Ich probierte mich schnell durch, machte mir ein Bild von den Unterschieden.
Ich legte mich sehr schnell, ohne Zweifel, auf einen der Flügel fest:
"Kein Zweifel, der hier ist der beste, der wird Michel gefallen.
Ich weiß nicht, ob es der beste ist, aber er wird ihm gefallen."

- Kann ich einen anderen ausprobieren?
- Aber sicher.

Ankunft Michel. Er begann, auf einem Flügel zu spielen...
... dann probierte er einen anderen.
Mit einem Mal drehte er sich um, und sagte: "Ich will den Flügel da hinten.
Den nehme ich."
Er wählte den aus, den ich vorausgesehen hatte.
Er sagte: "Klaviere sprechen zu mir. Stimmt's, Pascal? Was denkst du?"
Und ich: "Ich sage nichts, Michel."


MP

Er hat das Richtige ausgesucht, ohne es auszuprobieren.
Siehst du? Bist du einverstanden?
Ich hab's gerochen, ich sagte mir: "Ah, aha!"
Ich wusste es, ich hab's gesehen. Ich kam in den Raum: "Das ist es!"
- Und er sagte dasselbe
- Ja, aber er hat mir nichts verraten.
- Ich weiß, ich weiß...
- Ich sagte zu ihm: "Klaviere sprechen zu mir."
Und er meinte: "Das letzte Mal, als ich so etwas sagte, landete ich in der Klapsmühle."
Schon als kleiner Junge hatte ich diesen Komplex.
Diese Hämmerchen im Resonanzkasten eines Klaviers sehen aus wie Zähne.
Ich hatte das Gefühl, das Klavier lachte darüber, dass ich spielen wollte.
Schon als kleiner Junge war es, als würde das Klavier sagen:
"Versuch doch, mich zum Spielen zu bringen!" Verstehst du, was ich meine?
Jedes Mal, wenn ich das Ding öffne, sind da diese Zähne...
... und dieses breite, ironische Grinsen, das sagt:
"Na, komm doch!"

Dieses Pedal fertigte mein Vater an, als ich ein kleiner Junge war.
Ich studierte klassische Musik, und wie man weiß...
...kommt einmal der Zeitpunkt, an dem man die Pedale benutzen muss.
Das konnte ich nicht, weil ich sehr klein bin.
Also hat er dieses Teil gebaut...
... mit meinem Namen drauf.
Damit jeder weiß: Das ist mein Pedal.
Nun, es funktioniert so:
Es kommt hier an die Seite, dann befestigt man es hier hinten.
Ein mittleres Pedal hatte ich nie.
Und ehrlich gesagt, benutze ich es auch nie.
Das war's schon. So funktioniert das.
Ganz einfach.
So ein Pedal wirst du nie wieder zu Gesicht bekommen...
... denn zum allerersten Mal überhaupt macht Steinway eine Spezielanfertigung.
Bei dem Teil von Steinway wird es richtig ernst.
Es passt sich genau an.
Man schraubt es unter den Flügel, klack, danach hat man keine Sorgen mehr.
Ich überwache den Einbau des Pedals durch meinen Freund...
... Herrn Bernard Benguigui, hier anwesend.
Ich wünsche eine schöne Zeit.


BERNARD IVAIN, Agent

Es ist an sich schon schwer, einen Steinway zu beherrschen...
... doch wenn man überall Schmerzen Probleme mit Brustkorb, den Armen, etc...
... dann ist das echt harte Arbeit.
Da muss man wirklich dranbleiben.


RON McCLURE, Bassist

Michel brach sich Knochen beim Spielen.
Einmal merkte er, wie sein Schlüsselbein brach.
Er brach sich Armknochen. Er spielte kraftvoll.
Er hatte erstaunlich große Hände für seinen kleinen Körper.
Er war laut am Klavier, er brüllte regelrecht, sagte Dinge wie:
"Jetzt hab ich mir schon wieder die Schulter gebrochen.
Wird schon wieder."
Nun denn...


GENEVIÈVE PEYRÈGNE, Agentin

Ich habe erlebt, wie er mit gebrochenem kleinen Finger...
... mit gebrochenen Handgelenkknochen, mit gebrochenem Schlüsselbein spielte.
Also in diversen schlimmen Zuständen.
Ich zog Ärzte zu Rate, wenn wir auf Tour waren.
Die sagten alle: "Er muss sofort aufhören."


DR. GEORGES FINIDORI

Er kam zu mir wegen einer Deformation im Unterarm, wegen eines Bruchs.
Es war etwas weniger schlimm als das hier, aber seine Knochen waren verformt.
Er hatte sich einen seiner Unterarme gebrochen.
Für einen Pianisten war das natürlich ein großes Problem.


GENEVIÈVE PEYRÈGNE, Agentin

Ich weiß noch, dass Erlinda und ich ihm sein Fleisch schnitten...
... und ihn mit der Gabel quasi fütterten, weil er seine Hände nicht bewegen konnte.
Aber Klavierspielen ging immer, völlig verrückt!
Ich kann mich an einen Abend erinnern...
... als ich neben Erlinda saß und wir beide plötzlich gleichzeitig anfingen zu weinen.
Wir fingen an zu weinen, weil er mit unglaublicher Geschwindigkeit spielte...
... und wir den Schmerz in seinen Fingern förmlich spürten.
Er hat vermutlich aber gar nichts gemerkt. Es war einfach unglaublich.


TOX DROHAR & andere

Wisst ihr noch, wie er sich das Ischium gebrochen hat?
Das ist ein Sitzbeinhöcker.
Wenn man sitzt, drückt man auf zwei Knochen des Beckens.
Er hat sich einen davon beim Spielen gebrochen.
Er beendete das Konzert mit gebrochenem Knochen.
Das war im "Petit Journal".
Das einzige Konzert, das er abbrechen musste, war in Bergamo?
Nein, das war gar kein Abbruch. Es ist beim letzten Stück der Zugabe passiert.
Da war ihm eine Sehne gerissen.
Stimmt, er dachte, es sei ein Herzinfarkt, da der Schmerz bis zum Herzen reichte.
Er dachte, er habe einen Herzinfarkt, und spielte trotzdem eine Zugabe.
- Stimmt's?
- Ja.
Mit Verbeugung.


MP

Gerne würde ich Ihnen sagen: "Ja, ich leide sehr. Ich habe viele Probleme:
Ich bin klein, ich bin behindert, ich kriege keinen hoch, ich habe keine Frau.
Ich habe ein sehr schweres Leben voller Leiden und Schmerzen.
Ach, ist das hart!"
Aber nein, alles läuft prima.
Ich führe ein ganz normales Leben, mit Kindern, einer Frau...
... zwei Wohnungen, eine in New York, eine in Paris.
Ich komme viel herum. So ist das.
Ich sage dem Mädchen: "Gerne würde ich Ihnen sagen, ich bin klein...
... ich leide, ich kriege keinen hoch." Als ich das sagte, guckt die mich so an...
- Hat sie's kapiert?
- Keine Ahnung. Ich sagte: "Alles ist gut!"


MARIE LAURE ROPERCH

Er hat alles gegeben.
Ohne Vorbehalt.
Wenn er so war, dann wurde es magisch.
Er war sehr loyal, wenn er sich in diesem Zustand befand.
Doch danach kam immer der Dämon.
Der war genauso stark...
... wie der Engel.
Das konnte manchmal... sehr weit gehen.

(Cartooneinblendung)

- Ruhe! Schauen wir, was los ist.
- Das riecht nach Ärger!


MP

Ich habe zwei Engel, wie im Cartoon, einen guten und einen schlechten.
Manchmal sagte der Teufel: "Ja, mach das!" Und der Engel: "Nein, tu's nicht!"
Meistens gewinnt der Engel.

(Cartooneinblendung)

Das wirst du bereuen.


EUGENIA MORRISON

Er konnte gemein und respektlos sein.
Er konnte einfach sehr schwierig sein.


RON McCLURE

Das letzte Mal traf ich ihn hier im "Birdland"...
... als er mit Anthony Jackson und Steve Gadd spielte.
Er hatte mir nichts zu sagen.
Wir hatten zusammen getourt, eine Platte gemacht, zusammen gespielt...
... zahllose Stunden miteinander verbracht, doch er hatte mir nichts mehr zu sagen.


DAVID HIMMELSTEIN

Du brauchst dich nicht zu hassen...
... und musst mich nicht dafür hassen, dass ich dich liebe.
Das ist unnötig.
Sei einfach ehrlich, besänftige mich, bereite mir Freude...
... lobe mich dafür, dass ich dich lobe.
Sei ein Mensch und kein Scheiß-Zwerg.
Aber das schaffte er nicht.


MARIE LAURE ROPERCH

Drei Jahre verbrachten wir als Paar. Es war einfach zu schwierig.
Ich wollte nur das Gute behalten. Und das Schlechte anderen überlassen.


MP

Ich brauchte ein Jahr, mich davon zu erholen. Ich dachte, das schaffe ich nie.

(MP's Hochzeit mit Gilda Butta)

Mary Ann!
Lisa!
Danke.
Eugenia!
Danke.
Gilda! Gilda!


BERNARD IVAIN

Das mit Gilda war keine Liebe.
Da haben zwei Freunde den Fehler begangen, zu heiraten.
Es dauerte nicht lange, dann waren sie wieder Freunde.
Ansonsten war es ganz nett. Sie feierten im "Village Vanguard".


HÉLÈNE DREYFUS

Gilda war Pianistin, Musikerin.
Sie hatte großen Respekt vor Michel, vor ihm als Künstler.
Und durch sie begann Michel, sich ernsthaft für klassische Klaviertechnik zu interessieren.


PASCAL BERTONNEAU

Aber alles geht einmal vorbei. Es war schon heftig.
Die Gilda-Phase war heftig, körperlich heftig.
Ich erinnere mich an Verfolgungsjagden auf Hotelfluren, an den Lärm...
Sie lagen sich andauernd in den Haaren.
Und was kam dabei raus? Ein Marie-Laure-Revival.
Eines Tages, alles lief prima mit Marie-Laure -
... er war aber noch mit Gilda verheiratet - spielten wir im Cirque d'Amiens.
Vor dem Auftritt saßen Michel und Marie-Laure in der Garderobe...
... in ihren zweiten Flitterwochen, als die Tür aufflog.
Gilda!
Jetzt hatten wir ein Problem.
Wir haben Gilda nie wieder gesehen.


DAVID HIMMELSTEIN

Er sprach mit Barry, draußen in Billings Garten...
... und Barry sagte ihm: "Gott ist tot. Mach dein eigenes Ding."
Und... das tat er dann.
Das ist das Tolle an Michel, er hat's gemacht.


BARRY ALTSCHUL

Wir drängten Michel: "Finde deine eigene Geschichte.
Wenn du eine Bill-Evans-Passage spielst, sei dir dessen bewusst und ändere sie.
Finde deinen Weg."
Er hat es dann umgesetzt, als er nach Europa zurückging...
... in seinem letzten Lebensabschnitt.


MP

Als Francis Dreyfus vorschlug, mich auf sein Label "Dreyfus Jazz" zu nehmen...
... war ich begeistert, denn er kannte die Musik sehr gut.
Er kannte das Geschäft sehr gut und hatte Lust, seinem Herzen zu folgen.
Francis hat mich angespornt zu komponieren und solo zu spielen.
Er und seine Frau Hélène.
Sie gaben dem Jazz, nicht nur mir, die Mittel, seine Nische zu verlassen..

FRANCIS DREYFUS, Produzent & Musikverleger
Ich war auf einem seiner Konzerte. Es war unglaublich voll.
Er spielte mit einem Quintett.
Das war die Art von Jazz, die ich nicht mag, so Avangarde-Zeug.
Ich langweilte mich wahnsinnig.
Dann spielte er plötzlich zwei Stücke solo.
Tja, und da war ich...
Das liebe ich am Jazz und an bestimmten Künstlern:
Ich bin abgehoben. In dem Moment begann die Reise.
Eine Seelenwanderung war es noch nicht, aber ich schwebte.
Ich hatte wirklich das Gefühl, an der Decke des Theaters zu kleben.
Ich sagte mir: "Unglaublich, dieser Typ! Der merkt gar nicht, was er da anstellt.
Wie kann der so mit der Gruppe spielen...
... und dann solche Gefühle produzieren, die einen auf die Reise schicken?"
Ich wusste nicht mehr, wo ich war.

Als Michel schließlich bei uns unterschrieb, verkaufte er nicht mehr 10.000...
... sondern 100.000 Platten. So war das
Von einem Tag auf den anderen befand er sich in einer anderen Welt.
Da merkten alle Musikliebhaber -
... nicht nur die Jazz-Fans, sondern auch die Klassikliebhaber -
... dass wir es mit einem Superstar zu tun hatten.

Eine wilde Zugabe nach zwei Stunden Konzert...
... zu Beginn einer Tournee, die bis zum Sommer geht.
Wenn Michel Petrucciani seine Rückkehr nach Frankreich feiert...
... hat selbst das Klavier Schwierigkeiten, dem Rhythmus zu folgen.
Ein Rhythmus in Großbuchstaben...
... der ihm kaum Zeit lässt, den Pariser Frühling zu genießen.
Unser berühmtester Jazz-Pianist lebt die meiste Zeit in New York...
... was den Stätten seiner ersten Konzerte ein Aroma Proust'scher Madeleines verleiht.


TONY PETRUCCIANI, Vater

Früher sagte ich immer: "Wenn du einmal ein Star bist...
... kann ich dir nicht mehr folgen, weil du dann zu gut sein wirst.
Aber ich werde immer über dir stehen. Denk daran, ich werd immer über dir stehen."
Und jetzt steht er über mir.

(Rom: Michel spielt vor dem Papst Paul II und der Kurie)

Nun, mein geliebte Jazz-Musik.
Jetzt kommt's...
Petrucciani!
Michel Petrucciani!


DR. GEORGES FINIDORI

Er spielte vor der gesamten römischen Kurie, mit allen Kardinälen.
Ich war neugierig und fragte ihn, wie es war.
Er hat sich köstlich amüsiert: "Als ich anfing zu spielen...
... saßen all die Monsignori bewegungslos da.
Aber nach und nach wurden sie von der Musik und dem Rhythmus angesteckt...
Die Soutanen fingen an, sich zu bewegen."
Er freute sich über die Wirkung, die er auf den hohen Klerus hatte.

(Ende des Vorspiels)

Michel Petrucciani!
Einer der größten Künstler unserer Zeit!


MP

Das ist meine neue Liebe, Isabelle
Mein Liebesleben war schon immer sehr qualvoll.
Und toi, toi, toi:
Ich bin jetzt seit einem Jahr mit ihr zusammen und sehr glücklich.
Hör auf!
Ach, mein Leben ist die Hölle...
Können wir Sex haben?


BERNARD BENGUIGUI

Für Isabelle war Michel ein Gott.
Isabelle hat ihn sehr gefestigt. Sie wohnten zusammen.
Es war das erste Mal, dass Michel eine Wohnung hatte...
... in der er jeden Abend zurückkehrte, wenn er nicht auf Tour war. Er aß dort, etc.
Er führte ein geregeltes Leben, wie er es vorher kaum hatte.
Michels Leben bestand aus Hotels, Restaurants, Tourneen.
Isabelle hat das ein bisschen geordnet.
Sollen wir essen gehen?
Sollen wir? Hast du Hunger? Sollen wir essen gehen?
- Ich hätte nichts dagegen.
- Gehen wir etwas essen.
- Ich hätte nichts dagegen.
- Ich sterbe vor Hunger.
Sie hat ihn wirklich gefestigt.
Doch wenn sich die Gelegenheit ergab, auszubüchsen, hat Michel nicht gezögert.


ROGER WILLEMSEN

Ich weiß noch, wie er mich aus seiner Wohnung in Paris anrief -
... ich war in Hamburg - und er flüsterte: "Du musst etwas unternehmen.
Isabelle hat mich in der Wohnung eingeschlossen.
Sie will nicht, dass ich andere Frauen treffe. Ich bin gefangen, ich bin ein Gefangener!
Kannst du jemanden anrufen, der mir die Tür aufschließt?
Du musst mich befreien!"
Das war schon merkwürdig, weil ich weit weg war.
Ich wusste nicht, warum er nicht jemand anderen anrief.
Ich half Ihm tatsächlich.
Ich sorgte von Hamburg aus dafür, dass die Tür geöffnet wurde.
Aber er steckte immer in irgendwelchen emotionalen Schwierigkeiten.


Frank Cassetti

Das Schlimme war, dass er sehr schnell alterte.
Mit 16, 17 war er, auch körperlich, ein sehr schöner Mann.
Doch langsam machte sich die Schwere seiner Krankheit bemerkbar.
Sie griff seine Knochen an, seine gesamte Physis.
Dennoch trug er bis zuletzt diese Jugendlichkeit in sich.
Er hatte sie immer in sich.


FRANCOIS ZALACAIN, Produzent

Sein Terminkalender war der Wahnsinn. Er gab andauernd Konzerte. Er war erschöpft.
Er wurde auch sehr dick.


EUGENIA MORRISON

Als ich ihn das letzte Mal sah, sagte er: "Ich bin zu fett, stimmt's?"
Ich antwortete: "Ja, allerdings. Du solltest mal darüber nachdenken...
... eine Pause einzulegen, alles etwas langsamer anzugehen...
... dich auszuruhen, deinen Körper wieder in Form zu bringen."
Er sagte: "Ja, das werde ich tun."
Immer optimistisch.


DR. GEORGES FINIDORI

Er arbeitete enorm viel, bis zur Erschöpfung.
Das hat uns auch Sorgen bereitet.
Wenn er von der Bühne kam, war er außer Atem, konnte nicht mehr.
Er hat sehr viele Konzerte pro Jahr gegeben.
Die Zahl, die er mir einmal nannte, war sehr hoch.

ALAIN BRUNET, Trompeter (links)

Ich glaube, in unserem letzten Jahr auf Tour hat er mehr als 220 Konzerte gegeben.
Das ist enorm viel. 220 Konzerte. Wir waren sehr viel unterwegs.


TONY PETRUCCIANI

Es tat mir weh, wenn er sagte: "Ich habe nicht mehr lange zu leben."
Es hat mir zugesetzt, wenn er so etwas sagte.


MP

Ich habe Angst vor dem Tod.
Wir reden viel darüber, den Körper verlassen, über das Leben nach dem Tod, etc.
Aber ich habe wirklich keine Ahnung.
Ich habe Angst, weil ich nicht weiß, was mich erwartet.
Um die Wahrheit zu sagen und ein bisschen tiefer zu gehen:
Ich wäre sehr enttäuscht, wenn das alles wäre.
Wenn nichts mehr danach käme, würde ich sagen:
"Ich will wieder zurück auf die Erde!"
So etwas geht mir manchmal durch den Kopf.


ROGER WILLEMSEN

Er trug zu seinem eigenen Tod bei.
Denn mit seiner Lebensweise mengte er seinem Leben den Tod in kleinen Dosen bei.
Das konnten Drogen sein, das konnte Schlaflosigkeit sein...
... Ausbeutung der eigenen Talente und Energien...
... Rücksichtslosigkeit im Umgang mit dem eigenen Körper.
All das war Teil seiner Vitalität, die nur bestehen konnte...
... weil sie sich von seiner Gesundheit nährte.


VICTOR JONES

Am Sylvestertag sagte Eugenia zu mir:
"Michel ist in New York, seit zwei, drei Tagen."
Ich dachte: "Warum ruft er mich nicht an?"
Dann fand ich heraus, dass er da herumhing, wo er besser nicht rumhängen sollte.
Ich war irgendwie gleichzeitig wütend und verletzt.
Ich meine, alles zu seiner Zeit, wie auch immer...
Aber ich wusste, dass es nicht richtig war, was er tat.
Die Leute, mit denen er sich umgab, waren nicht gut für ihn.
Das Ergebnis war sehr negativ.


MARIE LAURE ROPERCH

Wir waren über Weihnachten dort.
Isabelle und ich wollten an diesem Abend nicht ausgehen...
... da Neujahr war, und wir keine Lust auf die ganzen Leute hatten.
Doch Michel wollte unbedingt ausgehen.
Wenn er sich einmal entschieden hatte, war er nicht mehr aufzuhalten.
Als er ging, sagte ich: "Michel, pass auf dein Herz auf."
Ich weiß nicht, warum. Er sagte: "Hör auf, mir Angst zu machen!
Warum sagst du so was? Hör auf samit!"


PHILIPPE PETRUCCIANI, Bruder

Er war müde
Wir fragten ihn, was er bei der Kälte in New York wolle.
Denn er hatte empfindliche Lungen, dazu die Müdigkeit...
Er zog sich eine Erkältung zu, die ihn niederstreckte.


ROGER WILLEMSEN

Ich erinnere mich genau an die Szene, als einer meiner Mitarbeiter zu mir kam.
Ich kniete vor einem Regal. Er stand über mir und sagte:
"Roger, ich muss dir etwas Trauriges mitteilen."
Ich dachte, "so traurig wird es schon nicht sein", und arbeitete weiter.
Und er sagte: "Michel Petrucciani ist tot."
Und ich... brach innerlich zusammen.
Ich ging sofort nach Hause. Was ich den Rest des Tages tat, weiß ich nicht mehr.


BERNARD BENGUIGUI

Seine Musik konnte ich bestimmt...
... zwei Jahre lang nicht mehr anhören.
Er war so ungeheuer präsent in unser aller Leben gewesen.


JOE LOVANO

Ich vermisse ihn sehr.
Ja, weil...
In der kurzen Zeit, in der wir gemeinsam spielten...
... habe ich mich stark weiterentwickelt und bin sehr gewachsen.
Wie gern würde ich jetzt mit ihm spielen.


JOHN ABERCROMBIE

Viele Menschen werden 80 oder 90, ohne je etwas zu produzieren.
Sie tun nichts, sie leben einfach nur lange.
Also was soll's, wenn er es übertrieben hat...
... zu wild war oder all diese Dinge tat, die nicht gut für ihn waren.
Sieh dir an, was er geleistet hat!


EUGENIA MORRISON

Gesegnet mit einem der außergewöhnlichsten Talente...
... das je ein menschliches Wesen besaß.
Und was wollte er? Am Strand entlang gehen, mit einer Frau an seiner Seite.
Einfach nur gehen.


Michel Petrucciani starb am 6. Januar 1999 in New York.
Er wurde 36 Jahre alt.

Er wurde auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beerdigt, neben dem Grab von Frédéric Chopin.

director
Michael Radford

editor
Yves Dechamps

director of photography
Soophie Maintigneux

sound engeneer
Olivier Le Vacon

sound editor
Lilio Rosato

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