"My philosophy is to have a really good time and never to let anything stop me from doing what I want to do."

NON STOP Eine Reise mit Michel Petrucciani

                    


Die 3 Filme, deren Untertitel bez. Übersetzungen ich hier darstelle, wurden buchstabengetreu wiedergegeben, ohne die zum Teil heftigen Schreibfehler zu korrigieren.

(Rainer Wolffram)



NOA NOA Filmproduktion GmbH



NON STOP   Ein Film von Roger Willemsen



Eine Reise mit / Avec
Michel Petrucciani

Ein Film von
Roger Willemsen

mit
Stéphane Grapelli
Roy Haynes
Charles Lloyd

Und
Charlotte Rampling



(MP an der Hotel Rezeption)

Ich hab' angerufen.
Wir suchen ein Zimmer für Charles Lloyd.

Da drüben ist der Kamin.
In der Ecke da, rechts
Ach da, schön, nicht?
Und wie.
Komm mal her, ich zeige euch mal, wo alles angefangen hat.
Genau hier. (ha ha ha)


(Big Sur)



MP
Ich habe nie vorgehabt, in Amerika zu leben. Ich bin hierher gekommen, weil ich einen Freund in Frankreich hatte, in Montélimar, wo ich früher mit meinen Eltern gewohnt habe. Er war Schlagzeuger, Amerikaner, eine Art Hippie. Wir haben uns angefreundet und dann ist er nach Kalifornien zurückgegangen und lebte hier, in Big Sur. Er hat mir immer Postkarten geschickt, auf denen stand: du musst unbedingt kommen, und es ist toll hier und du fehlst mir, alle wollen dich kennen lernen. Also habe ich ihn eines Tages besucht, aber dass ich hier leben würde, daran habe ich nie gedacht.




RW
Und dein Vater war nicht gerade begeistert.

MP
Mein Vater hatte Angst, mich gehen zu lassen, wegen meiner Krankheit und er hatte außerdem Angst, dass mich das ganze Business da völlig gefangen nimmt, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort wäre, wahrscheinlich mein ganzes Leben kaputt machen würde.

RW
Damals konntest du auch noch nicht richtig laufen.

MP
Nee, ich konnte nicht richtig laufen, damals. Ich war viel dünner, sehr leicht und ich hatte noch Haare. Aber die Energie hatte ich damals schon, vielleicht sogar noch mehr. Vielleicht war ich noch verrückter als heute. Eines Abends bin ich in Charles Lloyd's Haus gelandet. Ohne überhaupt zu wissen, wer er war, denn er hatte sich ja ganz zurückgezogen.

RW
Ja, genau.



MP
Zehn oder fünfzehn Jahre vorher. Und damals war ich noch zu jung, um ihn zu kennen. Irgendwann hat Charles mich dann gefragt, was ich denn so mache und was ich vorhabe. Und ich habe ihm gesagt, ich spiele Klavier und ich liebe Jazz. Und dann hat er gesagt: "Na dann setz dich mal ans Klavier und spiel mir was vor." Ich habe mich hingesetzt und hab angefangen zu spielen. Und als ich mal aufschaute, da saß er auf dem Sofa, ich kann mich noch genau erinnern. Und dann ist er verschwunden und ich dachte mir, er hat sich zu Tode gelangweilt. Er ist in den Keller gegangen, hat sich sein Saxofon geholt und als er dann zurückkam, da haben wir bis 5 Uhr morgens zusammen gespielt. Dorothy, seine Frau, hat angefangen zu weinen und er hat ihr erklärt: "Weißt du, ich glaube, Michel ist hier, damit ich wieder spiele. Und ich will wieder spielen und Michel bleibt hier." Und da hab ich schon Pläne geschmiedet. Also ich bin geblieben und habe in Kalifornien mit einigen meiner Helden gespielt. Als ich den Sound und die Energie gehört habe, die Charles neben mir aus seinem Saxofon holte, da wusste ich einfach, ah, okay, das ist es also. So muss es klingen, so hört sich echte Qualität an. Und der echte Sound.

RW
Welche Erinnerungen hast du an San Francisco?

MP
Das erste Mal war ich mit Charles in San Francisco und wir sind in die ‚Great American Music Hall' gegangen und haben da gespielt. San Francisco war einfach, weißt du, wenn du in San Francisco spielst...

RW
... dann hast du's geschafft.

MP
... dann hast du's geschafft.

(San Francisco)



RW
Oh Herr Petrucciani, ich bin ein großer Fan von Ihnen, ich bin ein ganz großer Fan von Ihnen.



MP
Ach, hau ab.
Vom Reisen hab ich noch nie geträumt. Mein großer Traum war als Kind, zu Heiraten und die Liebesgeschichten zu erleben, die ich im Fernsehen gesehen hab. Wo ein Mann die Braut hochhebt und sie über die Schwelle trägt und dann küssen sie sich und leben glücklich bis an ihr Lebensende. Und haben viele Kinder. Das war mein Traum.
Ich bin in einer armen Familie aufgewachsen. Wir waren arm. Manchmal hatten wir abends bloß, das war für uns drei Brüder dann wie ein kleines Fest, aber meine Eltern hatten wohl nicht viel zu lachen. Wir hatten bloß Café au lait mit Butter und Toast, aber uns hat nie etwas gefehlt. Mein Vater hat uns immer gegeben, was wir wollten.

RW
Wie war Orange, wo du geboren bist?



MP
Orange war in Ordnung, aber mein Vater hatte eine Garage und ich wollte unbedingt bei seinen Proben zuhören. Aber er meinte: "Nein, du bist noch zu klein. Wir wollen keine Kinder dabei haben. Das ist eine ernste Sache. Da kannst du nicht einfach kommen und alle stören." Aber eines Abends war er besonders großzügig und sagte: "Also gut, du kannst bei der Probe zuhören." Weißt du, es war Sommer und ich hatte Shorts an, so ähnlich wie diese hier. Aber die Taschen waren sehr eng und ich lag da auf den Knien und war wahnsinnig stolz, weil ich dachte, ja jetzt bin ich hier bei meinem Vater und höre bei den Proben zu. Mit all den Kerlen, weißt du, es war einfach ...

RW
... sehr männlich.



MP
... männlich und stolz und so. Ich hab da also gekniet mit beiden Händen in der Hosentasche. Plötzlich hab ich das Gleichgewicht verloren und bin voll mit dem Gesicht auf den Garagenboden gefallen. Der war aus Beton, weißt du, Zement. Ich hab mir die Nase gebrochen. Das Blut floss und ich lag da auf dem Boden, ohne mich zu mucksen. Weil mein Vater gesagt hatte: "Du wirst uns nur Scherereien machen." Und genau das hatte ich jetzt getan. Also hab ich gedacht: "Bloß nichts sagen." Und der Bassist sah mich mit all dem Blut auf dem Boden und hat gerufen: "Seht mal, Michel, dem ist was passiert." Und ich hab gesagt: "Nein, nein ich hab nichts, spielt weiter." Und dann hat mich mein Vater rausgetragen und ich hab geblutet, weil ich mir wirklich die Nase gebrochen hatte. Das ist von damals. Siehst du? Meine Nase war gebrochen und ich hab ihm das Versprechen abgenommen, wenn ich wieder geheilt wäre, und mich besser fühlte, dürfte ich wieder in die Garage kommen und bei der Musik zuhören. Ich erinnere mich gut daran, ich hab das Gleichgewicht verloren.



RW
Nur weil du so aufgeregt warst?

MP
Ja und ich kriegte meine Hände nicht aus den Taschen. Das also war Orange. Weißt du, ich hab so ein Glück, ich kann sein wo ich will, egal wann, egal wo. Das nenne ich echte Freiheit.



(Paris)



MP
Ich kann ein paar Tage hier sein und dann zwei oder drei Tage nach New York fliegen, mich vergnügen und Musik machen, arbeiten, meine Konzerte geben, dann fahr ich nach Paris, amüsier mich, gebe vielleicht ein Konzert, entspanne mich und dann... Es ist ein solches Privileg, reisen zu können, und überall hin zu können, wo es einen hinzieht. Ich möchte eigentlich im Augenblick nirgendwo besonders hin, auch wenn meine Heimat in meinem Herzen immer noch New York und Paris ist.



MP
Weißt du, was du essen möchtest?
RW
Ich nehme ... mal sehen

MP
Wenn wir ein hübsches Mädchen sehen, dann bitten wir sie vor die Kamera, okay?

RW
Ja, das ist ein guter Anmacher. Würden Sie mal bitte vor die Kamera treten? Nein, nein, nein ich sag' dir schon, wenn eine kommt.

MP
Wir wollen ein richtige, eine tolle, ein Klassefrau.



Was ist denn das?
Ein Löffelbiskuit!
Wirklich? Seltsam ... Sie sind schon ein bisschen pornographisch, was ?!

RW
Bonjour Madame ...

Mme
Wer sind sie? Der da ist Komiker, nicht wahr?

RW
Das auch ...

MP
Und was machen Sie?

Mme
Ich bin einfach so in Paris, das ist alles.

MP
Und wie heißen Sie?

Mme
Héloise. Und Sie?

MP
Michel, Michel
Das stimmt!

Mme
Na gut ... Jedenfalls: Viel Glück!

MP
Danke Héloise.
Héloise - was für ein hübscher Name!
"Die neue Héloise"

MP
Nein, ich kuck mir jetzt die Männer aus, ich sag's dir.


(Wohnung New York)



MP
Hier, das wollte ich dir zeigen. Das hier bin ich. Da war ich noch klein ... ich muss so mit 5 oder 6 gewesen sein. Da ist mein Vater, mein Bruder, meine Mutter.

RW
Dein Bruder ist ... da...

MP
Da ... Bruder und Mutter.

RW
Das ist schön.



MP
das ist Charles Lloyd in Big Sur. Es war als ich dort war. Auf dem Foto muss ich so 18 gewesen sein.



MP
Du weißt, dass dieser Flügel aus deiner Stadt kommt?

RW
... aus Hamburg.

MP
... aus Hamburg.



RW
Und wir waren dabei, als du ihn ausgesucht hast.

MP
Er ist vor zwei drei Wochen geliefert worden. Ich habe ein Lied geschrieben, das heißt "She did it again". Das geht so:

(MP spielt: She did it again)

RW
Steckt da eine Geschichte dahinter?

MP
Ja, eine Geschichte mit Charles Lloyd. Als wir zusammen in Kalifornien gearbeitet haben, da hatte er einen Hund, Josie. Wenn wir im Auto fuhren, saß Charles am Steuer, seine Frau neben ihm und ich saß hinten, neben dem Hund, weißt du. Und immer im Auto hatte der Hund diese hässlichen Blähungen, jedes Mal, das war wirklich verrückt. Ich habe gesagt: "Charles, warum nimmst du immer deinen Hund mit? Sie hat schon wieder gefurzt! Sie hat es schon wieder getan. She did it again. Es ist wirklich interessant. Denn wenn Leute den Titel hören, dann denken sie immer an eine wunderbare Lady oder jemand, der mich tief berührt hat, eine Liebesgeschichte, weißt du, unglaublich. Aber nein, es geht um einen Hund, einen Hund der Wind abgehen lässt. Tja, das ist interessant.



RW
Wie würdest du die augenblickliche Lage der Jazzmusik insgesamt beschreiben?

MP
Jazz wird immer beliebter. Das Problem ist bloß, was die meisten nicht gleich wissen, was Jazz überhaupt ist. Er gefällt Ihnen, aber wie ein exotisches Gericht. Jazz wird außerdem von den Jazzmusikern selbst verdorben, von den Plattenfirmen. Es ist ein total überlaufener Bereich. Wenn du Jazz sagst, musst du eigentlich fragen: "Was bedeutet das genau?" Ich glaube, meine Aufgabe - wenn ich denn eine habe - ist es, mit meiner Plattenfirma Dreyfus den Leuten ganz g a n z bescheiden zu erklären, worum es beim Jazz geht. Alle mögen Miles Davis, weißt du, der hat den Sprung gemacht, ebenso Duke Ellington, Bud Powell auch. Es geht also darum, den Leuten zu erklären ... nein, nein, was ihr da gerade gehört habt, das war nicht das. Die Musiker da wissen nämlich gar nicht, worum es geht.

(Telefon, Francis Dreyfus)

RW
Dein Manager

MP
Wie geht es dir? Gut? Ich habe gerade von dir gesprochen. Ja doch, ich hab' dich eben erwähnt ... und schon rufst du an.

RW
Ist das Francis?

MP
Ja, Francis.
So, du haust also ab?
Ha ha ha ha ha ha ha ha
Nein, Mittwoch.
Das ist sehr nett von dir. Machs gut, ciao!
Wenn man vom Teufel spricht ...
RW
Netter Mann der Teufel



MP
Nun, das versuchen wir im Grunde. Es funktioniert nicht immer, manchmal, weißt du. Am Mittwoch hab' ich ein Konzert, und ich bin etwas nervös, weil ich eine Zeit lang nicht gespielt habe. Also muss ich üben und ich spiele. Aber nie Tonleitern ...

(Konzert)



MP
Ich habe drei oder vier verschiedene Stellen im Konzert, von denen ich weiß, dass ich dort hin kann und ich spiele dann immer das gleiche. Das muss man. Und dazwischen ist alles relativ offen, da gibt es viel Freiraum, wenn ich spiele. Wenn ich etwa ein mir geläufiges Thema spiele, zum Beispiel ... das Thema kenn ich, und das spiele ich immer an einem bestimmten Punkt im Konzert. Damit lade ich meine Energie und Kreativität wieder auf und ich kann von da aus irgendwohin weiter, wo ich noch nie war.

Bon soir. Merci beaucoup.
Alles in Ordnung?
Ich möchte dieses Konzert fortsetzen mit der Komposition eines großen Pianisten, der enormen Einfluss auf die Geschichte des Jazz hatte.

(Duke Ellington "Take the A Train")



(Szene mit Roger Willemsen, MP und Charlotte Rampling)



RW
Applaus bedeutet dir immer noch nicht viel, Michel, oder?

MP
Im Konzert mag' ich Applaus nicht besonders, ähm, ich will einfach die Musik spielen. Meine Idealvorstellung von einem Konzert wäre: das ganze Konzert ohne Zwischenapplaus spielen zu können. Wenn die Leute mir am Schluss danken wollen und klatschen, in Ordnung, das freut mich. Aber ich find' es so ... altmodisch ... zu spielen und zu klatschen und zu spielen und wieder zu klatschen, das brauch' ich nicht. Weißt du, deshalb spiele ich auch eine dreiviertel Stunde lang non Stopp.

CR
Du gibst ihnen erst gar keine Chance.

MP
Ich geb' ihnen keine Chance, wenigstens eine dreiviertel Stunde lang nicht.

RW
Aber manchmal klatschen die doch zwischendurch.

MP
Manchmal ja.

RW
Oder sie lachen.

MP
Genau, das hab' ich lieber. Besser lachen als klatschen, als Applaus.

RW
Gestern haben sie auch gelacht.




MP
Ja, gut, sie lachen immer, wenn ich "alles in Ordnung" sage, nach meiner dreiviertel Stunde. Weil ich ihnen leid tue. Deshalb gehe ich ja ans Mikrofon und frage: "Alles in Ordnung?" Und die Leute fangen an zu lachen. Und sagen sich: "Oh ja, okay".



CR
Das ist eine schwierige Sache mit der Publikumsbeteiligung bei einem Konzert. Mir geht es genau wie dir, Michel, mit dem Klatschen. Ich mag es überhaupt nicht, wenn Leute klatschen. Weil es zerstört einfach jedes Mal den Zauber. Aber das Publikum möchte natürlich mitmachen, und das kann es bei einer Vorstellung nur, indem es so macht, wie die Pinguine. Aber für mich hat es fast etwas ... Respektloses dem Künstler gegenüber. Ist es aber nicht, weil sie damit ihre Wertschätzung ausdrücken. Das Ganze ist also sehr zwiespältig.

RW
Es gab eine schöne Szene vor dem Konzert gestern, als du Alexandre auf dem Schoß hattest und er so in die Tasten haute.



MP
Ich glaube, er ist vor allem ein Showman, bisher hat er noch nicht viel Respekt vor Dingen. Er weiß nicht, was Arbeit bedeutet, oder Künstler sein oder Musik machen, weißt du? Als ich ihn gestern Abend fragte: "Wie hat dir das Konzert gefallen?" meinte er: "Es war langweilig".

RW
Wirklich?

MP
Ja er hat gesagt: "Das Konzert war langweilig, das macht doch keinen Spaß, so alleine zu spielen." Aber das ist okay.

RW
Ist okay?

RW
Weißt du, Michel, was ich mir als Ende für diesen Film wünsche? Eine Szene, in der du auf einem Wolkenkratzer in New York "Looking Up" spielst. Stell dir mal vor.

CR
Schafft den Flügel da hoch...

MP
okay

RW
Wir schaffen den Flügel da hoch und filmen dich von einem Hubschrauber aus. Was hältst du davon? Was denkst du?

MP
Warum nicht?

CR
Das ist ein schönes Bild, nicht? Stell dir vor, du sitzt da und der Hubschrauber zieht langsam hoch.

MP
Ganz schön beängstigend. Ich glaube nicht, dass ich das sehr genießen würde.

CR
Warum nicht? Ich denke wir... du wärst eher so in der Mitte, nicht zu nah am Rand...

MP
ha ha ha ha ha ha ha

RW
Sie haben "wir" gesagt.

CR
Ja vielleicht komm ich ja mit ihnen...

RW
Sie sind eingeladen.

CR
Ich fliege den Hubschrauber, Michel.

RW
Also, abgemacht!



(Big Sur, Kalifornien)



RW
Wohin, glaubst du, wird die Musik dich führen?

MP
Unter Umständen in den Tod.

RW
So eine Erfahrung des Todes durch die Musik?
MP
Nein wirklich in den Tod. Damit meine ich, dass ich auf meinem Totenbett sagen werde: "Schade, dass ich nicht noch ein Jahr habe. Ich hätte noch so viel besser sein können, so ist das. Weil es nämlich nie wirklich aufhört.

RW
Denkst du oft an den Tod?

MP
Ich... ich habe schreckliche Angst vor dem Tod ... ich habe Angst ...

RW
Vor dem Tod oder vor Schmerzen?

MP
Nein ich hab' Angst vor'm Tod, nicht vor Schmerzen. Schmerzen kann ich aushalten, die bin ich gewohnt, ich weiß, was das ist.

RW
Hast du jetzt auch welche?

MP
Ja.

RW
Während wir hier sitzen?



MP
Ja, ich hab ständig Schmerzen. Ich bin es gewohnt, dass mir die Arme Weh tun und ... aber wir wollen die Leute ja nicht zum Weinen bringen ... ist nicht so wichtig. Was für mich zählt, das ist ... ich ... glaube an Gott und auch wieder nicht. Ich glaube an eine Macht, weil es so viele Dinge gibt, die ich nicht erklären kann. Ich weiß nichts - deshalb hab ich Angst, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Um ehrlich zu sein, wenn ich noch tiefer bohre, ich wär' sehr enttäuscht, wenn es da nichts gäbe. Dann müsste ich sagen: "Scheiße, ich dachte, da gäbe es irgend was und jetzt ist nichts da. Ich will wieder zurück, ich will wieder zurück auf die Erde." Manchmal stelle ich mir das so vor.

RW
Es steckt soviel Humor in deiner Musik.

MP
Ja, das lieb' ich. Ich liebe Humor, ich liebe es, zu lachen, ich liebe Witze. Albernheit, das find' ich herrlich. Aber wirklich: Lachen ist die beste Medizin.

(Big Sur)



MP
Seid ihr drehbereit?

RW
Wir drehen schon.

MP
Was, richtig ernsthaften Scheiß?

RW
Wenn du an all die Klaviere denkst, die du mal gespielt hast, ist ... das als erinnerte man sich an seine alten Pferde?

(Steinway, Hamburg)



MP
Nein, das ist nicht wie bei Bläsern. Die haben ihr Saxofon, das sie in den Mund stecken. Es hat etwas sehr körperliches. Ein Klavier ist da immer etwas auf Distanz. Aber ich kann ein Klavier sehr wohl fühlen, Klaviere sprechen zu mir. Erinnerst du dich, als wir bei Steinway in Hamburg waren? Ein Techniker hatte sich die Flügel auch schon vorher angesehen und meinte: "Ich glaube, ich weiß schon, welcher dir gefallen wird." Und ohne auch nur einen anzufassen - du warst ja da, du weißt, ich lüg nicht - hab ich gesagt: "Der ist es!"

MP
Ich wusste es, ich sah ihn, ich kam rein und sagte: "Der ist es!"

RW
Und er hat dasselbe gesagt.

MP
Ja, aber nicht zu mir. Ich hab denen gesagt, Klaviere sprechen zu mir. Und er meinte, als ich das das letzte Mal gesagt habe, haben sie mich drei Jahre in eine Anstalt gesteckt.

(MP's Wohnung in New York)



MP
Jetzt werd ich mal kontrollieren, wie mein Freund Bernard Benguigui, hier anwesend, das Pedal anbringt. Viel Vergnügen.

BB
Also, wollen wir?

MP
Dieses Pedal hier ... dieses Pedal hat mir mein Vater gemacht, als ich ein kleiner Junge war. Da war ich so ... 13 oder 14 und habe klassische Musik gelernt. Jeder weiß ja, dass wenn man in seinen Übungen Fortschritte macht, irgendwann einmal das Pedal benutzen muss. Konnt' ich aber nicht, denn ich bin ein kleiner Kerl. Also hat er mir das hier gemacht ... aus Holz, und ... das da, ist mein Fußabdruck. Und mein Name steht da auf der Seite.

BB
Und so kann kein anderer Pianist.

MP
Damit keiner ... damit jeder weiß: das ist mein Pedal, also ... es funktioniert folgendermaßen: du drehst es so rum ...

BB
Machen wir's zusammen?

MP
Ja, lass es uns zusammen machen. Wenn wir so unter dem Klavier hocken, reden wir in Wirklichkeit vom Geschäft. Wie viel Geld hast du gestern gemacht?

BB
'n ganzen Haufen.

MP
Weiß ich. Ich hab das noch nie hier gemacht. Also: das mittlere Pedal ... ich hatte noch nie eins ... um ganz ehrlich zu sein ... ich benutze es auch nicht oft. Eigentlich nie. Hier, so funktioniert das. Ganz einfach. Wie alle schönen Dinge im Leben. Ganz einfach.

MP
Über Musik spreche ich immer in Farben. Es gibt da so viele Farben. Wenn du zum Beispiel ‚G' spielst, dann hast du grün. Für mich ist ‚G' grün. Und du kannst das Grün vor dir sehen, wenn du die Note hörst. Wenn ich so in ‚G' improvisiere, siehst du ... grün. Hier, das gefällt mir. Für mich ist das grün.

RW
Spiel mir mal ... blaugrau.

MP
Blaugrau? Blaugrau ... wart' mal ... blaugrau ... was Blaugraues.

RW
Ja genau, ich seh's genau.

MP
Oh la la, das klingt, das Instrument.



RW
Es beißt.

MP
Hm?

RW
Es beißt.

MP
Es beißt. Komm, geh'n wir ins Bett .



(Big Sur)



MP
Ich liebe das Klavier, ich fasse es wahnsinnig gern an, ich liebe die Berührung, ich liebe die ... die ...

RW
Streng dich an ...

MP
Weißt du, manchmal, wenn ich ein Konzert gebe, und das läuft und das ist möglichst gut, und das Timing ist genau richtig und ich komm rüber und spiele die Noten - dann fühlt sich das warm und gut an, dann ist das wie ... etwas ganz tief drinnen. Es ist wie ... Liebe machen, wie ein Orgasmus oder so was und ich sag mir: "Mann, wie ich das liebe!" Wenn ich Klavier spiele, dann gibt mir das das gleiche Gefühl ... Wunderbar ist , es ist nicht pornographisch, völlig legal und ... man kann es in aller Öffentlichkeit praktizieren. Toll ist das.

RW
Bedeuten dir eigentlich alle diese Aufzeichnungen noch was?

MP
Auszeichnungen hab ich nie sehr ernst genommen. Deswegen hab ich manchmal gesagt: "Die Leute geben mir so viele Preise, vielleicht glauben die, ich sterbe nächstes Jahr. Wir geben ihm besser jetzt einen. Damit können wir unsere Wertschätzung ausdrücken und ihm danken. Jetzt, wo er noch lebt, denn man weiß ja nie. Aber ich glaube nicht, dass ich morgen sterbe, weißt du, ich hoffe, dass ich noch lange Zeit hier bin. Ich liebe das Leben und meine Behinderung ist ja nicht tödlich. Man kann ganz normal damit leben. Ich kann bei einem Autounfall umkommen oder bei einem Flugzeugunglück, aber wegen meiner Behinderung sterbe ich nicht. Es hat nicht damit zu tun.

RW
Wie war die Zusammenarbeit mit Stéphane Grapelli für dich?

MP
Mit Stéphane Grapelli zu arbeiten war sagenhaft. Er spielt einfach phantastisch. Der kennt Musik so durch und durch. Es ist unglaublich aber schließlich, da kommen wir wieder auf die Erfahrung zurück, weißt du, mit 87 ... Dinge, die ein 32 jähriger nicht weiß und erst dann weiß, wenn er die Chance hat, dahin zu kommen.



(Studio Davout, Paris - Aufnahmen zu: Flamingo, 15. - 17.Juni 1995)



MP
Wie geht es Ihnen?
MP
Gibst du mir zwei Minuten ... um mich einzuspielen?

SG
Wir können jetzt, wenn ihr wollt.

SG
Soll ich dir mal die Akkorde zeigen?

MP
Wenn du willst ...

(Stéphane Grapelli spielt ...)

MP
Tja, sie haben sich verspätet.

SG
Ah, da sind sie ja!

(Roy Haynes betritt das Studio ... Applaus)

RW
Roy Haynes war wirklich beeindruckend. Stell dir vor er hat mit Billy Holiday gespielt und mit Charlie Parker, Miles Davis, John Coltraine, Dizzy Gillespie ...

MP
Er ist wirklich einer der Besten. Er hat so viele Schlagzeuger beeinflusst, ich hab ihn immer schon geliebt und ich bin nicht der einzige.



RH
Sieh zu, dass das mit aufs Bild kommt.
Ich sollte mal ans Schlagzeug gehen.

(inzwischen ist auch der Bassist, George Mraz, da und sie spielen "Little Piece in C For U" an)

SG
Hör mal: c-h-d-c-a-g-h ...

MP
Für dich ist nichts schwierig, Stéphane.

SG
Los, Junge spiel!



MP
Sollen wir anfangen?



MP
Die Meister des Tempos.

RH
Also, wir zählen ...

SG
S'il vous plait ...



MP
Beeilt euch

RH
Beeilt euch

RH
Wie sagt man?

MP
Keine Hektik, aber beeilt euch.

RH
Ist schon okay.



SG
Vorsicht, dass er sich nicht auf die Geige setzt!



Sollen wir die Lichter wieder runterdrehen?



MP
Ich hab's abgehört: Großartig!
Sehr gut!



(Big Sur)



MP
Ich glaube, aus dieser Aufnahme bin ich als ein anderer Mensch herausgekommen. Ich habe immer das Stud-Band eingelegt, das ich zu Hause habe und je öfter ich das hörte, desto stärker wurde mir bewusst, wie gut er ist, wie gut er spielt, und wie viel er weiß. Wenn ich mir heute einen Musiker anhöre, dann achte ich nicht darauf, wie gut er spielt, sondern wie viel er weiß. Und Stéphane Grapelli weiß einfach enorm viel.

RW
So, was machen wir jetzt? Komm, lass uns in die Berge fahren und Charles Lloyd treffen.



(Big Sur mit Charles Lloyd)

  



CL
Weißt du, seit du zum ersten Mal hier hingekommen bist, meinetwegen, also ich bin unheimlich stolz auf dich, ich wäre fast gestorben und dann doch nicht. Und dann bist du im Jahr drauf gekommen und wir haben gespielt, da warst du so 18 oder 17, aber du hattest schon damals was, das hat mich irgendwo so berührt, ich meine, ich wollte nie wieder spielen und deshalb, Mann, wir wollen hier zwar nicht von mir reden, aber, was du für mich getan hast, das hat mir irgendwie wieder den Anstoß gegeben. Ich habe diese Schönheit in dir gehört und mir gesagt: "Den muss ich der Welt vorführen. Der hat irgendwie was unheimlich Schönes. Das war wie der Ruf des Schicksals. Denn ich wollte ja eigentlich nicht mehr weg, mir ging's hier gut, mein Leben war einfach. Ich hab' meinen Garten, ich steh früh auf, meditiere, geh spazieren, führe Josie aus, ich spiele den Bäumen und dem Wald und allen mein Saxofon vor.

MP
Du hättest Josie mitbringen sollen.



CL
Wollt ich auch, aber weißt du, Josie ist jetzt 13 Jahre alt und Dorothy hat den Tierarzt gefragt, wie lange so ein Hund wie Josie lebt und er meinte: "So 12-13 Jahre". Wenn ich jetzt mit Josie spazieren gehe, dann trottet sie meist hinter mir her. Manchmal fühlt sie sich auch wieder wie ein Baby und dann springt sie hoch, du kennst Josie ja, hoch in die Luft. Wir haben ein paar schwere Zeiten durchgemacht, du und ich, aber unterm Strich ist da so viel Liebe und ich habe das Gefühl einer großen Heilung und Wärme. Deshalb bin ich einfach, äh, ich bin so stolz auf dich, Mann, und das ist mir Ernst.

  

RW
Also kannst du ein Resümee dessen geben was es bedeutet hat, hierher zurück zu kehren in diese großartige Landschaft?

MP
Ich kann nur eins sagen, es liegt wirklich hinter mir, was den Lebensstil betrifft, das liegt hinter mir.

RW
Erzähl doch mal, wer dieser Michel Petrucciani war, der von Big Sur aus nach New York aufgebrochen ist.

MP
Damals suchte ich die Musik ich wollte einfach Jazzmusiker sein. Ich hatte keinerlei Ambitionen, irgendetwas anderes zu werden. Ich wollte mitten in der Jazzszene sein, da mitmischen. Ich wollte in den "Village Vanguard" und dort spielen. New York ist meine Energie, aus der Stadt beziehe ich meine Kreativität. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Amerika immer noch so wichtig für mich ist. Wir werden ja sehen, wenn ich wieder in New York bin.







(New York, der Flügel wird auf das Dach transportiert)

Looking up


  



Kamera
Ekkehart Pollack
Miljen Boblic

Steadycam
Mike Bartlett

Kamera-Assistenz
Jörg Jahn
Helmfried Kober

Ton
Michael Kähler

Schnitt
Jochen-Carl Müller

Video-Editor
Martin Schneider

Tonmischung
Markus Krochmann
Thomas Weichler

Deutsche Fassung
Christiane Spelsberg

Location Manager, NY
Mohna C. Hoppe

Helikopterpilot
Al Cerullo

Musik
Michel Petrucciani

Produktionsleitung
Sylvia Obst

Buch und Regie
Roger Willemsen

Produktion
NOA NOA Fernsehproduktion GmbH
Und
Francis Dreyfus Music

Gedreht mit Unterstützung der
FREIEN UND HANSESTADT HAMBURG

Wir danken der Firma
STEINWAY & SONS

Copyright 1995




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